Hafengeschichten Die "Fairland" eröffnet den Containerverkehr

Artikel vom 6. Mai 1966 erschienen im Weser Kurier

Häfen in der Hansestadt sind nun für neuartigen Umschlag gerüstet / In zwei Schichten über 100 Container entladen

Die stadtbremischen Häfen sind seit gestern um eine zukunftsträchtige Umschlagart reicher: An der Pier vor der neuen Freilagerfläche zwischen Schuppen 16 und 18 im Überseehafen löschte das erste Containerschiff, der amerikanische Spezialfrachter „Fairland“ der Sea-Land-Service Inc., New York. Stunde um Stunde hoben die Motorwinden einer der beiden mächtigen Kranbrücken des Schiffes die metallgrauen Großbehälter von Deck und aus dem Schiffsinneren und setzten sie an Land auf die rotlackierten doppelachsigen Spezialfahrgestelle der Trailer. Sobald ein Trailer mit dem Großbehälter fest verbunden war – dazu waren nur wenige Handgriffe nötig -, zogen die Sattelschlepper an. Als gestern Abend die zweite Schicht beendet war, standen über 100 Container auf den eigens für sie auf dem frischen Beton mit weißen Linien umgrenzten Parkplätzen. Stauer, Zollbeamte, Angestellte von Hafenfirmen und dazu viele hundert andere nahmen sich vor Schichtbeginn, während der Pausen oder nach dem Arbeitsschluß im Hafen eine Viertelstunde Zeit, um fachmännisch-kritisch den neuen Umschlagvorgang zu beobachten. Die Hansestadt will sich mit einem großangelegten Containerverkehr dem weltverzweigten Netz ihrer Verladerschaft bis in die Schweiz und nach Österreich sowie in Skandinavien empfehlen.

Der Senator für Häfen, Schiffahrt und Verkehr, Dr. Georg Borttscheller, der zusammen mit seiner Deputation ebenfalls dem Löschen der Container von der „Fairland“ zugeschaut hatte, zeigte sich befriedigt: „Wir sind da und hinken im Containerverkehr nicht hinterher, der insgesamt ein wichtiges Geschäft zu werden verspricht. Hätten wir nicht die erforderlichen Anlagen angeboten, so hätte uns ein anderer Nordseehafen die Ladung weggeschnappt!“ Ist es aber eine Revolution im Bremer Hafenumschlag? Borttscheller: „Keineswegs, hier handelt es sich nur um einen organischen Übergang von einer konventionellen auf eine neuartige Form der Befrachtung. In den bremischen Häfen wird es immer eine glückliche Synthese von alt und neu geben.“

Der Direktor der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft, Gerhard Beier, pflichtete dem Senator bei: „Natürlich ist das Ganze in einem gewissen Sinne noch ein Risiko, doch in zwei oder drei Jahren werden wir wissen, wie das Experiment ausgefallen ist. Wir wollen und werden mit den anderen großen Seehäfen wettbewerbsfähig bleiben.“ Die „Containeritis“, wie Beier scherzhaft die schnelle Entwicklung des Großbehälterverkehrs bezeichnete, hat den Seehafen an der Weser zwar nicht unvorbereitet getroffen, doch ist nach seinen Angaben das amerikanische Unternehmen Sea-Land früher in Bremen aufgetreten als erwartet worden war. Aber damit mußte er sich, wie er weiter gestand, bei den schnellen Amerikanern eben abfinden.

Daß es ausgerechnet Amerikaner sind, die mit dieser neuen Verkehrsart den bremischen Hafenumschlag beleben, ist nicht zu verwundern. Jenseits des Atlantiks ist diese Verkehrsart schon längst den Kinderschuhen entwachsen. Die Firma Sea-Land-Service verfügt sogar schon über eine gut zehnjährige Praxis. Gegenwärtig besitzt das Unternehmen 19 Schiffe mit einer Tragfähigkeit von rund 350 000 Tonnen. Ende 1966 werden unter der Sea-Land-Reedereiflagge bereits 23 Schiffe fahren. „Dann sind wir die drittgrößte Reederei der Vereinigten Staaten“, sagte gestern nicht ohne Stolz der Vizepräsident der Gesellschaft, der Amerikaner E. E. Black. Die bei dem Umschlag beschäftigten Hafenarbeiter und die Seeleute nicht mitgerechnet, sind für den New Yorker Konzern ständig 4000 Menschen beschäftigt, um für den reibungslosen Transport  der Container zu sorgen.

Insgesamt verfügt die Sea-Land über 15 400 Container, die durchweg 10,6 Meter lang sind, einen Rauminhalt von 60 Kubikmetern haben und bis zu 20 Tonnen Ladung aufnehmen können. Ständig mit den Schiffen unterwegs sind etwas mehr als ein Drittel der Container. Zum größten Teil spielt sich das Geschäft noch auf der anderen Seite des Atlantiks ab, wo die Spezialschiffe zwischen den großen nord- und mittelamerikanischen Häfen verkehren. Die südlichen Stützpunkte liegen einstweilen in Puerto Rico. Rund 400 Millionen Mark betrug der Umsatz im Jahr 1965.

In Deutschland sind von dem Unternehmen bisher für den Großcontainerverkehr rund 10 Millionen Mark investiert worden. Vorläufig füllen die Amerikaner einmal die sechs vorgesehenen Trailer-Pools in München, Nürnberg, Frankfurt, Stuttgart, Duisburg und Hannover mit einer für die erwarteten Ladungsmengen ausreichenden Zahl von Fahrgestellen und Behältern auf. Etwas mehr als hundert Container brachte gestern die „Fairland“ schon mit. Sobald in zwei Wochen das dritte Schiff in Bremen gelöscht hat – wöchentlich eine Ankunft und Abfahrt ist zunächst vorgesehen – wird auch schon der Rücklauf von beladenen Containern einsetzen. In der Bundesrepublik soll es dann schon mehrere hundert Container geben.

Daß Bremen tatsächlich ein schneller Hafen ist, hat gestern beim Löschen des ersten Containerschiffes gleich auf Anhieb bewiesen werden können. In den Staaten sind Umschlagsleistungen von 20 Containern je Schiff und Arbeitsstunde schon ein kleiner Rekord. Bremen brachte es gestern auf annähernd 15 Container je Stunde. Aufmerksame Beobachter wollen jetzt festgestellt haben, daß am Vormittag, als es eine Stunde lang mal völlig reibungslos lief, sogar 22 Behälter aus dem Schiff an Land gesetzt wurden. Allerdings mußte auch eine Panne in Kauf genommen werden: Einer der ersten Großbehälter löste sich, kurz bevor er vom Laufkran auf das Chassis gesetzt werden sollte, aus seiner Halterung und knallte teilweise auf das Führerhaus der neben dem Schiff wartenden Zugmaschine mit angekoppeltem Trailer. Der Fahrer wurde leicht verletzt. Zum Glück war nämlich dieser Container ausgerechnet ein leerer Behälter. Mit zwanzig Tonnen beladen, hätte der herabstürzende Container sicherlich einen schwereren Schaden angerichtet. Daß Unfälle mit Containern jedoch nicht alltäglich sind, wies Vizepräsident Black mit dem Hinweis nach, dies sei die vierte Panne seit dem zehnjährigen Bestehen des Unternehmens.

Einer der gestern gelöschten Großbehälter hatte eine für den Containerverkehr nicht einmal so sehr ungewöhnliche Fracht an Bord: viele tausend amerikanische Hähnchen, die in Virginia geschlachtet und in den Container gepackt worden waren.  Das Kühlaggregat des Containers hatte den Inhalt bei minus 18 Grad einfrieren lassen. Minus 18 Grad zeigte gestern auch das Außenthermometer des Riesenkühlschrankes, als er von einem Sattelschlepper aus Kiel auf den Haken genommen und zu einem Großabnehmer nach Hamburg gefahren wurde.

Vorläufig werden die Trailer aus Bremen auf der Straße in alle Himmelsrichtungen rollen und wieder zum Hafen zurückkehren. In nicht allzu ferner Zeit sollen aber auch die Behälter mit der Bundesbahn transportiert werden können. Verhandlungen laufen bereits, doch werden jeweils nur die Behälter von der Bundesbahn mitgenommen werden können. Mit dem Trailerfahrgestell unter den Containern würde die Ladung für die Bundesbahn zu hoch. Viele Brücken über dem deutschen Schienennetz ließen sich nicht mehr passieren.

Der Liegeplatz vor Schuppen 16A soll nicht mehr lange den Containerumschlag in Bremen bewältigen. Voraussichtlich Mitte des Jahres verlagert sich der Umschlag dann, wie Direktor Beier gestern ankündigte, in die neuen Häfen auf dem linken Weserufer. Dort wird bei Schuppen 24C eine noch größere Freifläche für Container vorbereitet, und auf der Kaje soll ein fahrbarer 30-Tonnen-Kran helfen, den Containerumschlag noch mehr zu beschleunigen. Ob sich dann gleichzeitig mit der schiffseigenen Verladebrücke und mit dem Kajekran arbeiten läßt, muß sich zeigen. Bremer Makler der Firma Sea-Land-Service ist H. Glahr & Co.