x

2021/3 | Maritime Vielfalt

Auszeichnung der Nordschleuse Bremerhaven

Als die Senatorin für Wissenschaft und Häfen, Dr. Claudia Schilling, Ende April zur Tat schritt und die offizielle Auszeichnungstafel an der Nordschleuse in Bremerhaven enthüllte, hatte sie keine silberne Maurerkelle zur Hand. Anders war es vor rund 90 Jahren. Damals griff der amtierende Bürgermeister Martin Donandt zur geschichtsträchtigen Kelle, die bereits 100 Jahre zuvor bei der Grundsteinlegung der Schleuse zum Alten Hafen benutzt wurde. Heute wird sie im Focke-Museum sicher aufbewahrt – allerdings weiß auch die Senatorin um die große Bedeutung der Anlage für die Häfen der Seestadt: „Es geht darum, die innovative und nachhaltige Ingenieurleistung hinter dem Bauwerk zu würdigen. Historisch betrachtet steht der Schleusenbau in einer langen Tradition wegweisender Entscheidungen, mit denen bis heute die Wettbewerbsfähigkeit des Hafenstandorts Bremerhaven stetig verbessert wurden“, erläuterte Schilling. Eingeladen zum Festakt hatte die Ingenieurkammer Bremen, deren Bundesverband die Auszeichnung seit 2007 vergibt.

„Wir sind sehr stolz darauf, dass das Land Bremen ab heute kein weißer Fleck mehr auf der Karte der Historischen Bauwerke der Ingenieurbaukunst ist. Mit der Nordschleuse und dem zugehörigen Ensemble haben die verantwortlichen Ingenieure sowohl ein Stück Zukunft gestaltet als auch ein Paradebeispiel für die Genialität vergangener Ingenieur-Generationen abgeliefert. Hinsichtlich Funktion und Zuverlässigkeit sowie der Einhaltung von Kosten und Terminen war es ein mustergültiges Vorhaben“, sagte der Präsident der Ingenieurkammer Bremen, der Beratende Ingenieur Torsten Sasse. Was Sasse meint, wird deutlich, wenn der Blick auf die baulichen, logistischen und technischen Herausforderungen des Großprojekts fällt. Die Nordschleuse entstand von 1927 bis 1931 unter der Leitung des Bremer Wasserbaubeamten Arnold Agatz (1891–1980). Damals wurde sie für die großen Schnelldampfer konzipiert. Zur Zeit des Baues galt sie als eine der größten Schleusenanlagen der Welt. Schon die veranschlagten Baukosten von 30 Millionen Reichsmark beeindrucken – heute müssten sie mit dem Faktor 3,6 multipliziert werden. Das Projekt umfasst 2,3 Kilometer Kajenmauern mit einer Höhe von 15 bis 19,5 Metern, massive Schleusenhäuser, zwei Schleusentore nebst Ersatztor, eine Drehbrücke, Eisenbahn- und Straßenanlagen sowie im Hochbau drei Maschinenhäuser, die heute unter Denkmalschutz stehen. Bereits in der Vorbereitungsphase wurden 400 Bohrungen mit einer Tiefe bis zu 50 Metern durchgeführt, um wichtige Erkenntnisse über den Baugrund zu erlangen. Verbaut wurden letztlich 26.000 Pfähle, 74.000 Tonnen Zement, 34.000 Tonnen Eisen, zumeist in Form von Spundbohlen in verschiedenen Varianten, 300.000 Kubikmeter Kies und Sand sowie 245.000 Kubikmeter Beton. Zudem waren Bodenbewegungen von über drei Millionen Kubikmetern notwendig.

Zahlen, die auch den Präsidenten der Bundesingenieurkammer, den Beratenden Ingenieur Dr. Heinrich Bökamp, beeindrucken. Allerdings findet er einen weiteren Aspekt des Riesenprojekts noch entscheidender – auch im Hinblick auf die Auszeichnung: „Viele der ingenieurtechnischen Überlegungen und Konzepte kamen für den Bau des Schleusenensembles erstmalig zur Anwendung. Darum wollen wir mit der Preisverleihung junge Menschen motivieren, die Ingenieurtätigkeit für sich zu entdecken. Denn wer davon träumt, kreativ und innovativ zu arbeiten, kann auch mit heutigen Projekten neue Maßstäbe setzen“, erläuterte Bökamp. Dass auch gute Planung und Durchführung keine Garantie für die ewige Haltbarkeit von Bauwerken ergeben, stellte sich gerade erst am Beispiel der zum Nordschleusen-Ensembles gehörenden Steubenbrücke heraus, die als größte Eisenbahndrehbrücke Deutschlands bis zuletzt mit 1.000 Öffnungen pro Jahr zuverlässig ihren Dienst getan hat. Am 1. April 2021 riss ein Obergurt und verursachte einen Totalschaden. Ihre Demontage und der Abtransport sind bereits erfolgt. Zuständig für den Abbau sowie für den Betrieb der Nordschleuse sind die Experten von bremenports. Deren Geschäftsführer Robert Howe ist sich sicher, dass die Tage des heute ausgezeichneten Bauwerks noch längst nicht gezählt sind.

Dass die Schleuse auch heute nach 90 Dienstjahren noch voll funktionstüchtig ist, wurde den Gästen der Auszeichnung durch die Einfahrt des in Bremerhaven stationierten Seenotrettungskreuzers „Hermann Rudolf Meyer“ demonstriert. Dass ausgerechnet ein Boot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zum Festakt einlief, darf als durchaus passend zum Anlass gesehen werden, sind die Seenotretter doch bereits seit 1867 in Bremerhaven beheimatet.

(Pressemitteilung der Ingenieurkammer der freien Hansestadt Bremen)

Dieser Artikel erschien in der Kategorie ‚Maritime Vielfalt‘
>> Mehr aus dieser Kategorie finden Sie hier…