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2021/2 | Maritime Vielfalt

Bollwerk gegen den blanken Hans

Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen, führt zu schwereren Sturmfluten und erfordert daher höhere Bollwerke. Bremerhaven ist aber vorerst gut gerüstet: Die Stadt ist so etwas wie die Musterausstellung für den Hochwasserschutz.

Welche Rolle die Eisbären im ‚Zoo am Meer‘ dabei spielen, erklärt Experte Henry Behrends bei einem Deichspaziergang.

Das Wetter passt zum Thema. Ein frischer Wind bläst aus Nordwest über Bremerhaven hinweg; zum Glück regnet es nicht. „Aber Wasser von oben wäre für uns kein Problem“, lacht Henry Behrends und schaut zu Beginn des Deichspazierganges auf die dicken Regenjacken seiner Begleiter. „Wohl aber die Fluten, die von der Nordsee über die Weser landeinwärts gedrückt werden.“ Der 58-Jährige ist in der Hafenmanagementgesellschaft bremenports für den Hafenbetrieb und für den Hochwasserschutz in Bremerhaven verantwortlich.

Seit Jahrhunderten schützen sich die Menschen an der Küste durch Deiche gegen Hochwasser. Doch die Bollwerke gegen den „Blanken Hans“ – wie die vom Sturm aufgepeitschte Nordsee auch genannt wird – müssen immer kräftiger werden. „Angesichts des durch den Klimawandel steigenden Meeresspiegels und der wachsenden Zahl schwerer Stürme müssen wir auch unseren Hochwasserschutz verstärken“, so Behrends.

Bremerhaven ist den gefährlichen Nordwest-Stürmen besonders ausgesetzt

Kaum eine Stadt an der deutschen Nordseeküste befindet sich während der Sturmsaison im Winterhalbjahr in einer so exponierten Lage wie Bremerhaven. „Wir haben ausgerechnet in der gefährlichen Nordwest-Richtung eine offene Lage“, sagt Behrends und weist von der Deichkrone aus mit einer weiten Handbewegung über die Weser. Tatsächlich wirkt der Fluss bereits wie die offene Nordsee, obwohl die Wesermündung rund 50 Kilometer weiter nördlich liegt. Bei Sturm oder gar Orkan aus nordwestlichen Richtungen bedeutet diese Lage jedoch: „Das Wasser wird durch den Wind von der Nordsee zu uns hochgedrückt. Wenn die Wetterlage längere Zeit anhält, kann das Wasser nicht ablaufen, mehrere Gezeiten überlagern sich, der Pegel steigt immer höher“, erläutert Behrends die besondere Dramatik.

Die Deichlinie der Stadt ist 22 Kilometer lang

22 Kilometer lang ist die Deichlinie der Stadt. Der Begriff ist allerdings irreführend. Gründeiche – also die klassischen Graserdwälle – existieren nur im Süden und Norden Bremerhavens. „In einer dicht bebauten Großstadt gibt es nicht genügend Platz für diese großen Anlagen“, sagt Behrends. Die rund neun Meter hohen Wälle sind im Verhältnis 1:6 zum Wasser hin sanft auslaufend und zur Landseite etwas steiler abfallend aufgebaut. Insgesamt kann die Deichbreite durchaus mehr als 100 Meter betragen.

Mitten in der Stadt muss eine Stahlwand den Küstenschutz stärken

In der Stadt und im Hafen muss daher Technik helfen. Am Seedeich in Höhe des Fischereihafens verläuft eine Straße direkt hinter dem Deich: Statt eines sanft geneigten Erdwalls stützt hier eine grüne Stahlwand die Landseite des Bollwerkes. Auch in der Stadtmitte stärkt eine Metallkonstruktion den Küstenschutz. „Hier haben wir zusätzlich eine Spundwand in die Deichkrone eingezogen“, erläutert der Hochwasser-Experte auf dem Deichspaziergang zwischen dem Deutschen Schifffahrtsmuseum und der Touristenattraktion Klimahaus. Und draußen an der Wasserlinie findet sich eine Pflasterung, die wie ein grafisches Muster aus unterschiedlich hohen Steinen angelegt wurde: „Sie bremst die Wucht der bei Sturmflut anbrandenden Wellen“, erläutert Behrends.

Gefahrenpotenzial wird alle 15 Jahre geprüft

Gemeinsam mit dem Nachbarn Niedersachsen legt das Land Bremen alle 15 Jahre den Generalplan Küstenschutz Niedersachsen/Bremen vor. Dabei geht es vor allem um eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung, wie sich das Gefahrenpotenzial in den nächsten 100 Jahren entwickeln wird. „Deiche kann man nicht von heute auf morgen bauen, da ist eine langfristige Planung erforderlich“, betont Behrends. Die steigende Tendenz ist schon seit Jahren zu beobachten: Zwischen 1950 und 2018 stieg der Meeresspiegel an der deutschen Nordseeküste bereits um mehr als zehn Zentimeter an.

Deichlinie wurde um einen Meter erhöht

Diese Entwicklung zwingt die Deichexperten an der Weser zu immer neuen Investitionen in den Küstenschutz. Mehr als 270 Millionen Euro waren bislang für die Küstenschutzmaßnahmen nach dem derzeit geltenden Generalplan Küstenschutz vorgesehen. Der Bund übernimmt 70 Prozent der Kosten für Baumaßnahmen. Küstenschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe, weil Sturmfluten ohne Deiche bis weit ins Binnenland schwere Schäden anrichten würden. In Bremerhaven wurde in den vergangenen Jahren bereits kräftig investiert: „Wir haben die Deichlinie im gesamten Stadtgebiet um etwa einen Meter auf bis zu 8,50 Meter erhöht“, berichtet Behrends.

Im Hafengebiet ist der Aufwand besonders hoch

Eine der letzten Baustellen befindet sich am Ende des Deichspaziergangs mitten im Bremerhavener Hafengebiet. Auf der so genannten Columbus-Insel gleich neben dem Kreuzfahrtterminal wird eine höhere Spundwand errichtet. Sie soll unter anderem ein Tanklager vor den Fluten zu schützen. „Im Hafen ist der Aufwand besonders hoch“, sagt Behrends. Einerseits ist dort am wenigsten Platz, andererseits muss der Hafen zur Seeseite offen sein. „Wir können die Schiffe ja nicht über einen Deich hinweg entladen.“ Besonders aufwendig war der Küstenschutz beim Neubau der Kaiserschleuse vor zehn Jahren: „Das äußere Schleusentor ist Teil der Deichlinie“, erläutert Behrends. „Für den Fall, dass es sich bei einer Sturmflut nicht schließen lässt, mussten wir eine zweite Deichlinie über das Binnenhaupt der Schleuse bauen.“

„Deichbau ist eine nie endende Arbeit“

Wie lange diese Maßnahmen für Bremerhaven ausreichen, wird sich 2023 mit dem neuen Generalplan Küstenschutz zeigen. „Deichbau ist eine nie endende Arbeit“, weiß Behrends. Die Entwicklung ist eindeutig: „Nach dem heutigen Stand des Wissens kann der Meeresspiegel nach verschiedenen Szenarien um bis zu 1,10 Meter steigen“, berichtet Behrends. Aber aktueller Anlass zur Sorge bestehe nicht, versichert der Fachmann: „Die Vorhersage bezieht sich auf die nächsten 100 Jahre.“

(Pressedienst aus dem Bundesland Bremen, Autor: Wolfgang Heumer, Foto: WFB Jörg Sarbach)

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