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Maritime Vielfalt

„Den Meeresboden lesen“ – Dr. Jens Grützner im Porträt

Mit Schallwellen erforscht Jens Grützner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven an Bord von Expeditionsschiffen die Sedimentschichten unterhalb des Meeresbodens. Dabei kommt die Erfassung der Wassertiefen auch der Schifffahrt zu Gute, da noch immer viele Gebiete nur unzureichend präzise kartiert sind.

Auf seiner nächsten Expedition wird es kalt und dunkel. Für Jens Grützners Arbeit hat das allerdings keine Bedeutung. Seine Forschungsgebiete liegen unterhalb des Meeresbodens und daher ohnehin im Dunkeln. Auf der im Oktober anstehenden vierwöchigen Expedition zur Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen will der promovierte Geophysiker nun gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam wieder etwas mehr Licht ins Dunkel bringen. „Wir versuchen, mithilfe des Schalls die tiefere Sedimentstruktur unterhalb des Meeresbodens zu kartieren“, berichtet der 55-Jährige, der seit zehn Jahren beim Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven arbeitet. „Dafür wird hinter dem Schiff eine Anordnung von Druckluftpulsern geschleppt .“ Während das Schiff fährt, erzeugen diese alle zehn Sekunden eine Schallwelle, ein ebenfalls geschlepptes, drei Kilometer langes Kabel misst dann mithilfe von Sensoren die vom Untergrund reflektierten Schallsignale. „Letztlich messen wir die Laufzeit der Wellen“, erläutert Grützner. Wenn die dabei entstehenden Daten ausgewertet sind, entsteht ein Abbild des Untergrunds, das dann kartiert werden kann. Das Ziel der Forschungsgruppe von Grützner: aufgrund der Sedimentstruktur die Veränderungen der tiefen Ozeanströmung zu rekonstruieren. Im Idealfall kann darüber hinaus mithilfe von speziellen Bohrungen, für die weltweit nur zwei Schiffe ausgerüstet sind, festgestellt werden, wie alt das Sediment ist. „Das ist reine Grundlagenforschung“, beschreibt Grützner sein Forschungsgebiet. Aktuelle Bezüge gibt es allerdings auch: „Die Klimaforscher rechnen für ihre Modelle rückwärts und nutzen die Erde als existierendes Laboratorium, wofür sie unsere Forschungsergebnisse verwenden.“ Die Rückrechnung kann beispielsweise bis zum Pliozän gehen, das vor etwa 5,3 Millionen Jahren begann.

Zeitaufwändige Forschung
Was in solchen, kaum vorstellbaren, zeitlichen Dimensionen entstanden ist, braucht naturgemäß Zeit, um erforscht zu werden. Das passt gut zu Grützner, bei dem schon im Grundschulzeugnis stand, dass er sich ungern aus der Ruhe bringen lasse. „Schnelle Ergebnisse gibt es nicht, und man muss auch damit klarkommen, dass man als Forscher nur kleine Puzzleteile des höchst komplexen Ganzen zusammensetzen kann, aber nie fertig wird.“ Fertig gestellt wird nur die Verschriftlichung der Forschungsergebnisse, aber auch das braucht seine Zeit: Wenn es gut läuft, dauert es drei Jahre, bis Grützner nach einer mehrwöchigen Expedition die riesigen Mengen an seismischen Daten rechnerisch ausgewertet, analysiert und schlussendlich auf Englisch einen wissenschaftlichen Aufsatz dazu verfasst hat. Der zentrale Großrechner dafür steht zwar im Hauptgebäude des AWI, aber wie wichtig die IT ist, lässt sich auch an den drei Monitoren und zwei Tastaturen auf Grützners Schreibtisch ablesen. „Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Student Magnetbänder herumschleppte für Daten, die heute auf einen USB-Stick passen.“ Wer die blanke Tischfläche zur Kenntnis nimmt, wird von Grützner aufgeklärt: „Heute habe ich aufgeräumt, aber eigentlich herrscht hier strukturiertes Chaos, genauso wie auf meinem Rechner“, sagt er schmunzelnd.

Internationaler Zusammenhalt an Bord
Auch wenn ihn seine bisher 13 Expeditionen schon nach Südafrika, in den Nordatlantik und die Antarktis führten, ist es für Grützner jedes Mal wieder aufregend. „Es ist toll, in solchen internationalen Teams zu arbeiten, auch wenn die Arbeit im Schichtsystem sehr anstrengend ist.“ Auf europäischen Schiffen sind das immer im Wechsel vier Stunden Arbeit und acht Stunden freie Zeit – fortlaufend. Auf US-amerikanischen Schiffen ist es noch etwas intensiver, hier folgen auf zwölf Stunden Arbeit zwölf freie. Wochenenden und arbeitsfreie Tage gibt es grundsätzlich nicht.

Missen möchte er trotzdem keine der Expeditionen, von denen ihm am nachhaltigsten seine erste beeindruckt hat: „1994 bin ich noch vor meiner Promotion in die Karibik gefahren, das war prägend, und seitdem habe ich mich immer wieder beworben.“ Dass es nun auf dem norwegischen Eisbrecher „Kronprins Haakon“ das erste Mal in die Arktis geht, freut den Forscher besonders: „Ich bin schon sehr gespannt.“

Tischtennis als Ausgleich
In die Wiege gelegt wurde ihm das Reisen zwar schon, allerdings etwas anders als man es vielleicht erwarten würde. „Meine Eltern sind nicht viel weggefahren, haben mir aber viel aus Büchern über große Expeditionen vorgelesen“, erzählt Grützner. Große Schiffe konnte er von Otterndorf an der Niederelbe, wo er aufwuchs, ebenfalls beobachten. Dass er einmal selbst wochenlang an Bord eines Expeditionsschiffes unterwegs sein würde, ahnte er damals jedoch noch nicht. „Nach dem Abitur war mir eigentlich nur klar, dass ich etwas Naturwissenschaftliches studieren wollte.“ Dass es die Geophysik wurde, hat er jedoch nie bereut. „Mit meiner Tätigkeit bin ich 100 prozentig zufrieden.“ Dass er jedoch – wie viele Wissenschaftler – nur Zeitverträge erhält und für die nächsten zweieinhalb Jahre bereits seinen 26. Arbeitsvertrag unterschrieben hat, gefällt ihm weniger gut. „Ich muss selbst Drittmittel für meine Stelle akquirieren und sehr flexibel sein“, resümiert er.

Flexibilität und Schnelligkeit sind auch bei seinem Hobby gefragt: Beim Tischtennis hat er es in der Vergangenheit mit der FT Hammersbeck bis in die Bezirksoberliga geschafft. Zudem ist Grützner Abteilungsleiter der Sparte. Ansonsten verbringt er seine freie Zeit gern mit seiner Frau, würde mit ihr gern öfter ins Konzert und Theater gehen und hört Modern Jazz. Einmal im Jahr geht es aber auch etwas lauter zu, beim Rockfestival am Weißenhäuser Strand. Grützner: „Immer ans Meer fahren muss ich zwar nicht, aber zum Glück ist meine Frau genauso eine Wasserratte wie ich.“