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Maritime Vielfalt

Ein Herz für Lehe – Nicole Wind im Porträt

Als Schulleiterin der Oberschule am Ernst-Reuter-Platz in Bremerhaven engagiert sich Nicole Wind für ihre Schüler und will diese in Ausbildung bringen. Der Hafen spielt dabei eine wichtige Rolle.

Nicole Wind hat ihre Entscheidung mit dem Herzen getroffen: Für die Arbeit als Leiterin der Schule am Ernst-Reuter-Platz, die eigentlich nur „die Ernst“ genannt wird. Dabei hatte die 47-Jährige eigentlich nie Lehrerin werden wollen. „Ich habe zunächst ein paar Jahre in Italien gearbeitet, fand dort aber beruflich keine sinnvolle Perspektive und entschied mich daher, es mit dem Lehramtsstudium in Düsseldorf zu probieren“, erinnert Wind. „Nach dem ersten Tag wusste ich, dass ich richtig war.“ Auch mehrere Jahre Erfahrung in der freien Wirtschaft nach ihrem Studium waren wichtig. Darauf konnte sie zurückgreifen, als in der vor zehn Jahren gegründeten Oberschule für die Klassen fünf bis zehn in Bremerhaven-Lehe anfangs kein einziger Schulabgänger in Ausbildung gebracht wurde. „Die Adresse der Schule sowie ein Wohnort in Lehe waren für einige Unternehmen bereits ein Ausschlusskriterium“, berichtet Wind. „Außerdem hatten wir damals keinen originären Zugang zur Wirtschaft.“

Winds Ziel: Alle Schüler in Ausbildung bringen
Beides hat sich dank des großen Engagements von Wind und ihrem Kollegium inzwischen deutlich verbessert: „2017 konnten wir 27 Prozent der Schüler des Abschlussjahrgangs in Ausbildung bringen – unser Rekord bisher“, so Wind. Zudem gibt es natürlich an „der Ernst“ ebenso begabte Schüler wie anderswo. „Etwa fünf bis zehn eines Jahrgangs schaffen es an die weiterführende gymnasiale Oberstufe“, berichtet Wind. „Der landesbeste Abiturient 2018 mit einer Durchschnittsnote von 1,0 war vorher bei uns“.
Rückschläge gibt es allerdings auch: „Vergangenes Jahr waren es wieder ein paar weniger Schüler, die einen Ausbildungsvertrag bekommen haben.“ Ein Grund dafür sei die fixe Zeitvorgabe der Ausbildung. „Ich glaube nicht, dass zusätzliche Schleifen wie ein Berufsvorbereitungsjahr das richtige Mittel sind“, meint die Schulleiterin. „Zielführend wäre eine Streckung der Ausbildungszeit auf vier bis zu fünf Jahre, wo nötig.“
Schließlich müsse berücksichtigt werden, wo die Kinder stehen, wenn sie an „die Ernst“ kommen: „Wir haben hier teilweise Kinder im fünften Jahrgang, die das schulische Niveau von Erst- oder Zweitklässlern haben“, berichtet Wind. Oftmals fehle es in den Elternhäusern schon an den einfachsten Dingen, etwa einem strukturierten Tagesablauf mit den entsprechenden Mahlzeiten. Die gebundene Ganztagesschule bietet daher ein kostenloses Frühstück für alle Schüler an. Zudem gibt es neben pädagogisch geschulten Mitarbeitern auch einen Boxer, einen Tischler
und einen Schmied, die mit den Schülern arbeiten.

Winds Weg: Kooperation mit der Hafenwirtschaft
Anders als ihre Schüler, die oft erstmals bei einem Schulausflug den Hafen erstmals zu Gesicht bekommen, hatte Wind dazu schon als Kind einen engen Bezug. „Meine beiden Brüder sind Kapitäne“, erzählt Wind. Das Projekt „der Hafen kommt nach Lehe“ liegt ihr daher ebenso wie bremenports-Geschäftsführer Robert Howe besonders am Herzen. In diesem Rahmen hat bereits ein Kunstprojekt stattgefunden, das von der Städtischen Wohnungsgesellschaft (Stäwog) und bremenports unterstützt wurde. Ein ausrangierter 20-Fuß-Container wurde von verschiedenen Schülergruppen entrostet, neu gestrichen und innen mit Holz ausgebaut, damit dort die bereits bestehende Fahrradwerkstatt einziehen kann. „Das praktische Arbeiten in Werkstätten ist extrem wichtig für unsere Schüler“, glaubt Wind, und ergänzt: „Für Schulen wie unsere muss sich das Curriculum ändern, der praktische Anteil muss steigen hin zu einer Werkschule.“
Zudem finden unter Einsatz von Unterrichtsmaterial des Instituts für Ökonomische Bildung (IÖB) aus Oldenburg wie „Wirtschaft im Hafen“ Fortbildungen des Kollegiums in den Räumlichkeiten von bremenports statt. Vier bis fünf Mal im Jahr trifft sich die Schulleitung der Ernst mit den Führungskräften von bremenports. „Kooperationen mit der Wirtschaft und speziell bremenports sind für uns extrem wichtig, um Kontakte in den Hafen zu knüpfen“, betont Wind.
Dazu gehört auch wesentlich das Netzwerk Schule, Wirtschaft und Wissenschaft Unterweser, dessen Vorstand Nicole Wind als Beisitzerin angehört.
Wie wichtig solche Kooperationen sind, wird spätestens dann klar, wenn Wind erzählt, dass der Fachkräftemangel für die Schüler kaum zu spüren ist: „Die Bewerberlage wird zwar dünner, aber die Pendler aus Niedersachsen holen sich die besten Jobs“, bedauert Wind. „Hauptschüler werden kaum noch gebraucht, noch nicht einmal von einem großen Discounter, der noch keinen einzigen Auszubildenden aus Bremerhaven eingestellt hat.“ Umso wichtiger sei es, potenzielle Arbeitgeber mit den Schülern frühzeitig in Kontakt zu bringen.

Winds neuestes Projekt: ein Patenprogramm
Künftig soll dabei ein Patenprojekt helfen, bei dem eine 1:1 Betreuung der Jugendlichen von Klasse 8 bis ins erste Ausbildungsjahr erfolgen soll. „Rund 15 Paten haben wir bereits und freuen uns natürlich über weitere“, sagt Wind.
Dass all das nur bedingt mit ihren Studienfächern Deutsch, Geschichte und Italienisch zu tun hat, die Wind in Münster, Verona und Düsseldorf studiert hat, stört sie nicht. „Bevor ich an ‚die Ernst‘ kam, arbeitete ich am Gymnasium.“ Dennoch war für die Bremerhavenerin klar: „Als Schulleitungsmitglied eine neue Oberschule aufzubauen, hat mich sofort gereizt.“
Nach ihrem Rezept gefragt, sagt Wind: „Ich habe ein tolles Kollegium, und die Arbeit bringt mir einfach viel Spaß.“ Dennoch sei es manchmal stressig und vieles nehme sie mit nach Hause.
Zum Ausgleich geht Wind gern Laufen und hört Musik von Alanis Morisette. Ansonsten verbringt sie ihre Freizeit mit ihrem Mann und dem gemeinsamen achtjährigen Sohn zu Hause beim Gucken von Filmen und im Garten. Einmal im Jahr macht die Familie dann viereinhalb Wochen Urlaub in den Bergen oberhalb der kroatischen Küste mitten im Wald.

Zurück in den Hafen geht es für das nächste Porträt im Rahmen des bremenports-Newsletters:
„Ich habe die Kapitänin Insa Kühle vorgeschlagen, die als nautische Oberinspektorin im bremischen Hafenamt arbeitet“, sagt Wind. „Es hat mich beeindruckt, dass Sie als eine von drei Frauen am Schaffermahl teilgenommen hat – Hut ab!“

(Claudia Behrend)