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Maritime Vielfalt

„Ein Job muss passen“ – Insa Kühle im Porträt

Nach rund sieben Jahren auf See arbeitet Insa Kühle nun als Nautische Oberinspektorin im Hansestadt Bremischen Hafenamt. Das Meer vermisst sie nur noch selten, aber mit der Schifffahrt ist sie eng verbunden geblieben, wie auch ihre Mitgliedschaft im Haus der Seefahrt zeigt.

„Die Schifffahrt hatte ich eigentlich nie auf dem Schirm“, schmunzelt Insa Kühle. Wie oft im Leben fügen sich die Dinge manchmal anders, und am Ende passt dennoch alles zusammen. Den Anfang machte im Rückblick das Internat in Großbritannien, das Kühle nach ihrem Realschulabschluss in Oldenburg besuchte. Dort lernte sie nicht nur Englisch, sondern machte auch ihr Abitur und absolvierte anschließend eine Ausbildung zur IT-Systemkauffrau. Was sie allerdings nicht wusste: Ihr britisches Abitur des Levels A wurde in Deutschland nicht anerkannt. Also holte sie die Fachhochschulreife an einer Fachoberschule nach. Als ihr eine Freundin vorschlug, dort zu einer Informationsveranstaltung der Jade Hochschule zu gehen, wollte Kühle zunächst nicht mit, ließ sich dann aber überreden. Die Vorstellung des Fachbereichs Nautik überzeugte sie dann allerdings sofort: „Als Kapitänin auf See sein, weg aus Deutschland und natürlich fremde Kulturen und Fremdsprachen“, all das ging ihr durch den Kopf. „Ein Job muss passen“, betont sie.

Auf Trampschiffen weltweit unterwegs
Das tat dann schon die Ausbildung mit Stationen bei der Reederei Norden-Frisia, auf Produktentankern bei Intership Navigation und auf LPG-Gastankern der Reederei NSB. Anschließend übernahm sie für neun Monate die Koordination der Personalsteuerung beim Bau des ersten kommerziellen Offshore Windparks in Deutschland, „Bard 1“. „Insgesamt waren es rund 100 Mitarbeiter auf 80 Anlagen, für die ich verantwortlich war“, berichtet Kühle. Dafür waren sechs bis sieben Crew-Transfer-Vessels (CTV) im Einsatz, ein anspruchsvoller Job für die damals 31-Jährige.
Ihr nächster Einsatz führte sie auf ein LNG-Schiff von Shell International Shipping, auf dem sie zwei Jahre als Junior-Offizierin zur See fuhr. Auch dort gefiel ihr es gut: „Tanker sind sehr speziell, da habe ich viel gelernt, zum Beispiel über das richtige Ballasten beim Laden des flüssigen Gases“, so Kühle.
In ihrer Zeit bei Shell erlebte sie auch persönlich mit, wie viel sich durch die Digitalisierung in nur wenigen Jahren an Bord veränderte. „Während wir in meiner Zeit bei NSB noch vieles draußen an Deck machen mussten, erfolgte die Steuerung bei Shell schon komplett per Computer.“ Besonders gut gefielen ihr die zwei Wochen, die sie im Londoner Büro von Shell verbrachte. Dort arbeitete sie das Konzept für den Umbau von LNG-Schiffen für den neuen Panamakanal aus.
Wenn sie an ihre Zeit auf See zurückdenkt, die sie von der Ostsee, auf den Atlantik und das Mittelmeer sowie nach Süd- und Nordamerika, Kanada, Asien und Afrika, führte, erinnert sie sich besonders gern an die Naturerlebnisse in Südamerika: „Wale, die aus dem Wasser auftauchten, Delfine und dann das Meeresleuchten – das war wirklich beeindruckend.“
Was sie allerdings weniger zufriedenstellend fand, waren die Zeitverträge, die nicht besonders üppige Bezahlung für die verantwortungsvolle Arbeit und die lange Abwesenheit von zu Hause. Nach sieben Jahren entschloss sie sich daher, sich für einen Job an Land zu bewerben. Seit 2017 ist die inzwischen 37-Jährige in Bremerhaven als Nautische Oberinspektorin in der Gefahrgutabteilung tätig und auch für die Arbeitssicherheit verantwortlich. „Bei Containern prüfe ich zum Beispiel stichprobenartig, ob die Ladung in den Containern ordnungsgemäß gesichert ist und ob die Container selbst technisch in Ordnung sind“, berichtet Kühle. „Außerdem nehmen wir an Bord Brennstoffproben, um zu untersuchen, ob die Schwefelgrenzwerte eingehalten werden.“ Kühle kontrolliert außerdem, ob die Schiffsabfälle ordnungsgemäß entsorgt werden. Gibt es Defizite kann sie auch eine Zwangsentsorgung anordnen. „Im Normalfall sind die Besatzungen aber sehr bemüht“, so Kühle.

Von Zeitverträgen zur Verbeamtung
Insgesamt verbringt sie etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit an Bord und auf dem Terminal, die andere Hälfte im Büro und ist auch nach zwei Jahren noch begeistert: „Mein Beruf ist unglaublich abwechslungsreich und ich kann mir selbst aussuchen, wann ich mich um Schiffsabfallentsorgungen, um Schwefel oder andere Projekte kümmere beziehungsweise mich in Themen einlese.“
Außerdem freut sie sich, dass sie nun mehr Zeit für den Sport im Fitnessstudio und Ausflüge mit dem Kajak hat. „Anfangs ist es mir ganz schön schwer gefallen, mein Alltagsleben zu planen, inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt.“
Manchmal gibt es allerdings auch Momente, in denen sie die Seefahrt vermisst: „Ich mochte besonders gern schlechtes Wetter, und wenn das Schiff so richtig stampft“, sagt Kühle. Seekrank ist sie nur das erste Mal geworden.
Dass sie nun verbeamtet ist und einen sicheren Job hat, gefällt ihr gut: „Ich bleibe jetzt beim Hafenamt“ – da ist sie sich ganz sicher, denn „mein Meeresbedarf ist erstmal gedeckt.“

Gefreut hat sie auch, dass sie seit Kurzem Mitglied in dem seit 1545 bestehenden Haus Seefahrt ist. Dass sich die Stiftung die Fürsorge bedürftiger Mitglieder und deren Hinterbliebenen zur Aufgabe gemacht hat und damit als ältester noch bestehender Sozialfond in Europa gilt, hat Kühle überzeugt. Und die Kapitänin wiederum konnte – als eines der wenigen weiblichen Mitglieder – mit ihrer Bewerbung die Mitgliederversammlung überzeugen. „Ich hatte 2018 auch das Glück, als eine von vier Frauen unter 300 Personen zur 474. Schaffermahlzeit eingeladen zu werden“, erzählt sie und erinnert sich an das „super nationale Ambiente“ und die vielen netten Gespräche dort.

Für die Fortsetzung der Porträtserie im bremenports-Newsletter gibt sie das Staffelholz weiter an ihren Nachbarn, Dr. Jens Grützner, der als Geophysiker am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven im Bereich Forschungsschifffahrt zu Themen der Reflexionsseismik und Sedimentphysik forscht. „Herr Dr. Grützner hat sehr viel Spannendes zu erzählen“, findet Kühle.

(Claudia Behrend)