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2021/1 | Maritime Vielfalt

Ein Porträt von

Dr. Broder Hinrichsen

Professor für Schiffbau an der Hochschule Bremen


Zum 1. Januar 2021 wurde Broder Hinrichsen als Professor für Strukturanalyse und Konstruktion von Schiffen und meerestechnischen Systemen an die Hochschule Bremen berufen. Den Student*innen möchte der Schiffbauingenieur moderne Berechnungsmethoden ebenso vermitteln wie die Fähigkeit, kritisch zu denken.

Weit war der Weg zum Wasser für Broder Hinrichsen von Anfang an nicht. „Ich bin in Glückstadt und mit dem Segelsport aufgewachsen“, erzählt der 54-Jährige. Obwohl er viel Zeit auf der Elbe verbrachte und neben der Piratenjolle stets auch die großen Schiffe im Blick hatte, hegte er über lange Jahre andere berufliche Pläne. „Meine Eltern waren Musiker, und bis etwa 15 hat mich das so sehr geprägt, dass ich Cellist werden wollte.“ Allerdings kannte er über das Segeln auch ein paar Schiffbauingenieure und irgendwann stand seine Berufsentscheidung fest, von der ihn auch manch Unkenrufe nicht abhalten konnten: Hinrichsen studierte Schiffbau in Hamburg. „Und das habe ich nie bereut“.

Nach dem Diplom habe er sich dann sehr bewusst für eine praxisnahe Promotion entschieden. „Der Lehrstuhl in Hamburg hat viel Wert auf industrielle Kooperationen gelegt, das hat mir gefallen.“ In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit Methoden zur Berechnung des Schweißzuges schiffbaulicher Stahlkonstruktionen. Sechs Jahre war er als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Schiffbau der Hamburger Uni beschäftigt. „Danach war ich erstmal nicht mehr interessiert an einer direkten Fortsetzung einer akademischen Laufbahn, mich hat das industrielle Arbeiten gereizt.“

Die Stelle als Spezialist für Strukturmechanik in der Forschungsabteilung der Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd (GL) kam daher wie gerufen. Auf drei Jahre dort folgten 16 als Konstruktionsleiter bei der Flensburger Schiffbau Gesellschaft (FSG). Ein Plus seines Berufs sei immer die Teamarbeit gewesen. Besonders gern erinnert er sich an das erste Schiff zurück: „Es war ein Fährschiff für die kanadische Reederei BC Ferries, bei dem ich den Bau von der ersten Idee bis zur Ablieferung zwei Jahre später begleitet habe.“

Praxisverbunden und akademisch interessiert

Verbunden blieb der Schiffbauingenieur der Uni auch während seiner Tätigkeit in der Industrie, unter anderem durch die Betreuung von Examensarbeiten und als Seminarleiter. „So richtig wieder geweckt wurde mein Interesse an der Hochschule dann erneut vor etwa fünf bis sechs Jahren“, erzählt Hinrichsen. Nach zwei Jahren als Associate Professor an der Universität Süddänemark in Odense wurde jedoch der Studiengang für Schiffbau geschlossen und für ihn war es keine Option, dort zu bleiben.

„Dann sprach mich ein Headhunter an“, ein Job als Vice President Technical bei der Werft Seaspan in Vancouver. „Ursprünglich wollte ich mich in Kanada für einige Jahre einer neuen beruflichen Herausforderung stellen“, erzählt Hinrichsen. Aus privaten Gründen musste er den Auslandsaufenthalt jedoch verkürzen und startete bei Neptun Ship Design in Rostock. „Als ich von der Stellenausschreibung der Professur an der Hochschule in Bremen erfuhr, wollte ich mich erst nicht bewerben, da ich ja gerade erst bei Neptun angefangen hatte.“ Der Wechsel auf die Professur sei aber dann doch zu reizvoll gewesen und auch bei seinem Arbeitgeber auf Verständnis gestoßen.

Hinrichsen erhielt im vergangenen Jahr zunächst einem Lehrauftrag und wurde zum 1. Januar dieses Jahres als Professor mit dem Lehrgebiet „Strukturanalyse und Konstruktion von Schiffen und meerestechnischen Systemen“ an die Hochschule Bremen berufen. Dort verstärkt er das Team der Fakultät 5 Natur und Technik, Fachrichtung Schiffbau und Meerestechnik. „Was mir besonders gefällt ist die interdisziplinäre Ausbildung“, berichtet Hinrichsen.

Im Vergleich zur Tätigkeit für die Werften hat sich sein Leben als Professor stark verändert: Es gibt keine Assistentin mehr, die seinen Terminkalender füllt, und es folgt für ihn auch nicht mehr eine Sitzung auf die nächste. „Dass am Tag der Abreise in den Urlaub ein neues Projekt kommt, und ich in den nächsten Wochen nur in der Werft bin, mag wohl der Vergangenheit angehören“, sagt Hinrichsen. Und auch der hohe Druck, die Schiffe stets pünktlich abzuliefern, ist vorbei. Langeweile kommt allerdings auch jetzt nicht auf: „Zeitlich betrachtet arbeite ich wahrscheinlich sogar mehr, kann aber nun weitestgehend selbstbestimmt über meine Zeit verfügen“, so der Professor.

Schiffbaustandort Bremen gut aufgestellt

Den Student*innen möchte er moderne Berechnungsmethoden ebenso vermitteln wie die Fähigkeit, kritisch zu denken. „Mir ist wichtig, dass sie auch elementare Mechanik beherrschen, um Berechnungsergebnisse kritisch beurteilen zu können. Diese Fähigkeit wird in der Praxis gesucht.“ Angst um die Zukunft des Schiffbaus hat er nicht: „Die deutschen Werften sind im Segment Kreuzschifffahrt durch die Pandemie zwar besonders betroffen, aber für den Standort Bremen und Bremerhaven bin ich trotzdem optimistisch“, unterstreicht Hinrichsen. „Mit Abeking & Rasmussen, Lürssen und Fassmer haben wir echte Standortvorteile.“ Damit das so bleibt, sei die Internationalisierung wichtig, etwa durch die Erhöhung des Anteils englischsprachiger Lehrveranstaltungen.

Seine Freizeit verbringt der zweifache Vater erwachsener Kinder am liebsten mit Ausdauersport. Wettkämpfe im Triathlon bestreitet er aber derzeit nicht: „Das erfordert sehr viel Zeit in der Woche“, erläutert er. Sport darf an einem perfekten Wochenende aber dennoch nicht fehlen: „Ein 20 Kilometer Lauf am einen, und eine mehrstündige Rennradtour am anderen Tag tun mir gut.“ Auch dem Cellospiel ist Hinrichsen treu geblieben. Im Orchester spielt er gegenwärtig nicht, aber seine Lieblingskomponisten sind Bach und Brahms geblieben. Und nach wie vor schätzt er das Segeln: „Dabei finde ich mit meiner Lebensgefährtin Ruhe und Entspannung vom Alltag“, erzählt Hinrichsen. Da passt es gut, dass der Weg zum Wasser in seiner Wahlheimat Bremen nie weit ist.

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