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Maritime Vielfalt

Ein Porträt von Heiner Delicat

Geschäftsführer mit Basishafen Bassum. Seine Karriere durchzuplanen, ist Heiner Delicat nie in den Sinn gekommen. An die Spitze des Bremer Hafendienstleisters Weserport hat es der 56-Jährige trotzdem geschafft.

Als erstes fällt der Humor auf. Wenn Heiner Delicat über seinen Werdegang erzählt, muss er an manchen Stellen schmunzeln, an anderen auch herzhaft lachen. Nicht alles lief schließlich wie geplant. Als Kind, das in einem großen Haus mit Eltern, Großeltern und Plattdeutsch im niedersächsischen Städtchen Bassum aufwächst, will er Kfz-Mechaniker werden. Das wäre nicht gut, sagt der Hausarzt. Leichte Neurodermitis und die Arbeit mit Schmierstoffen vertrügen sich schlecht. Dann also etwas Kaufmännisches sagen die Eltern. Hauptsache, nicht mehr in die Schule, findet ihr Sohn. Es ist jedoch schwierig, eine Lehrstelle zu finden. „Bei der achten Bewerbung hat es in der Spedition Richard Boas in Bremen endlich geklappt“, so Delicat. Drei Jahre später schließt er die Ausbildung als Speditionskaufmann ab, geht zur Bundeswehr und arbeitet anschließend in seinem vormaligen Ausbildungsbetrieb.

Dort fragt sein Chef eines Tages, wer für zwei Jahre in einem Partnerunternehmen in Miami arbeiten möchte. „Ich habe sofort an Sonne und Strand, Don Johnson und Miami Vice gedacht, und mich gemeldet“, erinnert sich Delicat. Das Problem: Ähnlich begeistert sind auch die Kollegen. „Unser Chef hat dann gesagt, dass wir das überschlafen und mit Partnern, Familie, Freunden und Vereinen abstimmen sollen.“ Am nächsten Morgen ist er dann der Einzige, dessen Hand nach oben geht.

Bereits nach eineinhalb Jahren in der US-amerikanischen Spedition braucht sein Vater Hilfe: Es gehe ihm gesundheitlich nicht gut. Wenn er den elterlichen Fuhrbetrieb mit den drei Lkws übernehmen wolle, dann jetzt. „Für mich war klar, dass ich den Betrieb übernehme und weiterentwickle“, so Delicat. Kurz darauf sitzt er nicht mehr im Büro in Miami, sondern hinter dem Lenkrad eines 40 Tonners.

Das Verantwortungsgefühl gegenüber dem elterlichen Unternehmen ist groß, sein Leid allerdings auch: „Manchmal war es natürlich schön, um fünf Uhr früh auf Tour in den Sonnenaufgang zu gehen, aber insgesamt hat mich das nicht ausgefüllt und ich habe gemerkt, wie mein Gehirn schrumpft“, so Delicat. Als es seinem Vater nach zwei Jahren besser geht, schreibt er sich für ein Vollzeitstudium an der Deutschen Außenhandels- und Verkehrs-Akademie in Bremen ein. Trotz des Studienabschlusses als Betriebswirt (DAV) ist es schwer, einen Job zu finden. „Privat war es da gerade so turbulent, dass ich hauptsächlich damit beschäftigt war“, vermutet er im Rückblick. Der Vater eines Kommilitonen kann helfen und ihn als Lines Manager bei Cargo-Levant in Bremen anfangen – kurz vor der Geburt seiner ersten Tochter.

„Von konventioneller Schifffahrt hatte ich keine Ahnung, das war wahnsinnig schwer, wie eine neue Ausbildung“, erzählt er. Volle vier Jahre bleibt er, ist dann aber unter anderem mit dem Führungsstil nicht mehr zufrieden. Er kündigt, ohne etwas Neues zu haben. Nach drei Monaten Arbeitslosigkeit beginnt er „als Notnagel“ einen schlechter bezahlten Job bei DSR-Senator als Lines Manager USA Export in der Containerschifffahrt – schließlich gilt es, eine Familie zu versorgen.

Elf Monate später findet er in der DVZ eine Stellenausschreibung als Schiffsbefrachter bei den Stahlwerken Bremen. „Die Anzeige war wie für mich geschrieben“, berichtet er. Seine Aufgabe: der Aufbau der Befrachtung, die zuvor an Stute ausgelagert ist. Mit dem Zusammenschluss von Arbed Aceralia und Unsinor zur Neugründung vor Arcelor kommt dann die erste Führungsverantwortung als Gruppenleiter und später der Wechsel in den zentralen Logistikeinkauf Hafendienstleistungen und Konsignationslager. „Ab da war ich vier Jahre als Europareisender in allen Häfen unterwegs“, so Delicat.

Als seine Zweitgeborene „Onkel“ zu ihm sagt, weil er nur noch in Hotels aber kaum noch zu Hause übernachtet, ist für ihn klar, dass sich etwas ändern muss. Wieder hilft ihm das Schicksal: „Michael Appelhans fragte mich, ob ich mit ihm Co-Geschäftsführer bei Weserport werden möchte.“ Dass das nicht nur beruflich, sondern auch privat optimal ist, wird ihm spätestens dann klar, als seine jüngere Tochter ihn an einem Montag fragt, ob er seinen Koffer vergessen habe. „Sie hat sich wie Bolle gefreut, als ich gesagt habe, dass ich abends zu Hause sein werde“.

Wenngleich mit wenig Reisezeit, hat Delicat jedoch auch als Geschäftsführer gut zu tun. Neben dem Personal verantwortet er die Administration, Marketing und Vertrieb sowie Finanzen. „Das sind schon mehr als 100 Prozent.“ Erst seit dem Ausbruch der Pandemie ist ihm bewusst geworden, wieviel berufliches Abendprogramm durch seine aktive Verbands- und Gremienarbeit durch das Kontaktverbot wegfällt.

Das gilt auch für private Feiern, die er mit seiner Frau im Haus mit großem Garten sonst gerne ausrichtet. Die gelegentlichen gemeinsamen Enduro-Wettkämpfe mit seinen Motorradfreunden sind ebenfalls vertagt. „Heute sind es aber sowieso nur noch ambitionierte Kaffeefahrten; Man zuckt an Hindernissen, die man früher mit links genommen hätte und stürzt, wo man es früher nicht getan hätte“, betont Delicat. Das Flair und das Miteinander genießt der ehemalige Teilnehmer an der  Norddeutschen Geländefahrer-Meisterschaften jedoch nach wie vor.

Auch die Besuche des zwölfjährigen Pflegekinds, das Delicat und seine Frau über den Verein PiB Pflegekinder in Bremen seit sieben Jahren jedes zweite Wochenende betreuen, sind aufgrund des Coronavirus derzeit ausgesetzt. So ist mehr Zeit als gewöhnlich, um „den Garten dezent umzugestalten“, wie er es nennt – ein weiteres großes Hobby des Ehepaars.

Wie die Pandemie sich auf Weserport und die Gesellschaft insgesamt langfristig auswirken wird, weiß auch der Geschäftsführer nicht. „Die Wirtschaft wird sich strukturell verändern und die Welt nicht mehr so sein, wie sie war“, glaubt er. Aber, so tröstete er schon vor der Coronakrise andere: „Geld ist niemals weg, nur häufig gehört es gerade jemand anderem.“

(Claudia Behrend)