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Ein Portrait von Ilknur Colmorn

Seit Mai ist die promovierte Nautikerin Ilknur Colmorn Professorin an der Hochschule Bremen. In ihrem Lehrgebiet, Maritime Navigation und Digitalisierung, will sie nicht nur analoge Fähigkeiten wie die terrestrische Navigation vermitteln, sondern die Studierenden auch sozial auf das komplexe technische Umfeld ihres Berufs vorbereiten.

Ilknur Colmorn ist weder am Meer aufgewachsen noch hat sie engere Verwandte mit Schifffahrtsbezug. Dass die in Kayseri in Kappakadonien geborene Türkin von der Möglichkeit eines Nautikstudiums erfuhr, verdankt sie vor allem zwei jungen Männern. „Die Söhne meiner Lehrerin auf dem Gymnasium haben in Istanbul Nautik studiert, und das klang einfach viel spannender als viele andere Berufe, die ich kannte“, erinnert sie sich. Ihre Eltern – der Vater Elektronikingenieur im Öffentlichen Dienst, die Mutter Hausfrau – seien zwar zunächst überrascht gewesen, hätten sie aber immer unterstützt.

Nach dem Colmorn die Aufnahmeprüfung bestanden hatte, begann sie ihr Nautikstudium an der Technischen Universität Istanbul und absolvierte parallel dazu eine einjährige Kadettenausbildung zur Nautischen Offizierin.

„Ich war in dieser Zeit auf einem Ro-ro-Schiff im Shortseaverkehr zwischen Istanbul und Triest unterwegs, dann weltweit auf einem Bulk Carrier“, erzählt sie. Mit dem Bachelor in der Tasche bewarb sie sich dann bei einigen Reedereien: „Ich war zwar die dritte Generation von Nautikstudentinnen an meiner Uni, aber das war damals schon noch etwas Besonderes, und einige ältere Schiffe, hatten noch keine entsprechenden Sanitäranlagen für Frauen.“ Manche sagten auch direkt, dass sie keine Offizierinnen einstellen wollten. Bei der Reederei Gedenlines waren sie dagegen sehr froh, die Abschlussbeste des gesamten Jahrgangs einstellen zu können und so konnte Colmorn dort als Offizierin auf einem modernen Tanker anfangen. Das sei nicht immer leicht gewesen, „ich stand mehr unter Beobachtung als meine männlichen Kollegen“, so Colmorn. „Wir Frauen mussten schon beweisen, dass wir das genauso können.“

Internationalen Austausch gesucht

Dass sie nach drei Jahren an Land bei der Reederei Arkas als Safety Managerin anfing, sei aber nur der Tatsache geschuldet gewesen, dass sie weiter studieren wollte. „Ich bin sehr gern zur See gefahren, wollte aber auch wissenschaftlich weiterkommen“, erzählt Colmorn. Aufgrund der damals schlechten Internetverbindung an Bord für die Crew habe sie schon zu Bewerbungszwecken an Land sein müssen. „Sonst wäre ich noch ein oder zwei Jahre länger gefahren“, betont die inzwischen 37-Jährige. „Bei Arkas wussten aber alle, dass ich mich an den Universitäten für ein Masterstudium bewerbe“, so Colmorn. An der Technischen Universität in Istanbul hätte ich zwar bleiben können, aber ich wollte etwas anderes und vor allem internationalen Austausch.

Sie entschied sich für Maritimes Management an der Chalmers University of Technology in Göteborg. Das sei im Rückblick die richtige Entscheidung gewesen: „Im Studiengang waren jeweils zur Hälfte Skandinavier und Studierende aus vielen anderen Ländern“, berichtet Colmorn. „Es gab auch viel Gruppenarbeit und viele Studierende hatten an Bord gearbeitet beziehungsweise arbeiten dort immer noch.“ Für einen Sommerjob in den Semesterferien ging die Studentin in die finnische Hafenstadt Kotka. „Mir hat es dort sehr gut gefallen, auch weil ich dort für meine Masterarbeit, in der es um die den vorbildlichen Umgang mit Beinaheunfällen und die Verbesserung der Sicherheitskultur an Bord ging, viele tolle Interviews führen konnte.“

Spätestens nach dem Master sei ihr auch klar gewesen, dass sie Professorin werden wollte, „ab und zu habe ich das aber zwischendurch auch mal vergessen.“ Für eine Dokorandenstelle bewarb sie sich unter anderem in Dänemark und Finnland. Über eine Rundmail wurde sie dann auf die Jacobs Universität in Bremen aufmerksam. „Das passte gut, denn ich wollte mehr über Logistik lernen“, erzählt Colmorn. Für die Jacobs Uni habe zudem gesprochen, dass sie sehr praxisorientiert aufgestellt sei, mit vielen EU-Projekten, und natürlich sehr international ausgerichtet.

Gleichzeitig die erste Vollzeitstelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin auszufüllen und mit der Doktorarbeit voranzukommen, hätte sie sich jedoch einfacher vorgestellt. „Wir hatten sehr viele EU-Projekte und für meine Doktorarbeit hatte ich nur am Wochenende Zeit“, erinnert sie sich, und fügt schmunzelnd hinzu: „Die Entscheidung dafür war einfacher als der Prozess.“

Auch privat war die Jacobs Uni die richtige Wahl: Hier lernte Colmorn ihren Mann kennen. Und vermutlich weiß auch nur er, wie sie es schaffte, bereits ein Jahr nach der Geburt der Zwillinge ihre Doktorarbeit zur IT-basierten Optimierung des Verkehrsmanagements in den Häfen einzureichen.

Große Schifffahrtsaffinität

Der anschließende Wechsel ans Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund, wo sie als Prozessingenieurin für fünf Monate an einem Projekt für die Automobilindustrie arbeitete, sei zwar eine gute Erfahrung gewesen, aber die maritime Seite habe ihr gefehlt. Also bewarb sie sich an mehreren deutschen Hochschulen. „Und weil der Berufungsprozess für eine Professur für maritimes Sicherheits- und Qualitätsmanagement an der Hochschule Emden-Leer noch nicht abgeschlossen war, fing sie dort zunächst als Lehrbeauftragte an. „Und dann war die Hochschule Bremen, bei der ich mich ebenfalls beworben hatte, schneller“, sagt Colmorn. Nach der Bewerbung Ende November durfte sie bereits Ende Januar eine 45-minütige Probevorlesung halten und einen 15-minütigen Fachvortrag.“

Seit Mai ist sie nun Professorin. Für ihren Forschungsbereich, Maritime Navigation und Digitalisierung, setzt Colmorn auf die Vermittlung alter Fähigkeit, wie der terrestrischen Navigation anhand von Papierkarten ebenso wie auf die Vorbereitung für ein immer komplexer werdendes technisches Umfeld in Verbindung mit den sozialen Herausforderungen: „Ich möchte den jungen Leuten das erforderliche Mindset mitgeben, wie sie methodisch strukturiert mit elektronischen Hilfsmitteln umgehen.“

Strukturiert vorzugehen, liegt ihr auch selbst im Blut. Nur ihr Plan, die Elternzeit für die Doktorarbeit zu nutzen, sei ebensowenig aufgegangen, wie in der Zeit ihre Spanischkenntnisse zu verbessern. „Ich musste durch die Kinder auch lernen, etwas Unordnung auszuhalten“, räumt sie ein. An ihrem Deutsch hat sie hingegen überaus erfolgreich hart gearbeitet: „Ich habe quasi an der Volkshochschule Deutsch gelernt, indem ich nach der Arbeit regelmäßig zwei Mal pro Woche zu Kursen gegangen bin“, erinnert sich Colmorn.

Dass sie derzeit nicht zu ihrem Hobby Tanzen kommt, das sie seit der Uni betreibt, liegt hingegen an der Pandemie. „Tanzstunden über Youtube-Videos können das gemeinsame Erlebnis in der Gruppe einfach nicht ersetzen“, findet sie. Mit etwas Glück ist zumindest der jährliche Sommerurlaub am Meer im kommenden Jahr wieder möglich. Denn ebenso wie die Schifffahrt für Colmorn unverzichtbar ist, muss sie auch einmal im Jahr in klarem blauen Wasser schwimmen  – nicht in der Weser.