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Maritime Vielfalt

„Geschenkte Fähigkeiten sollte man einsetzen“ – Horst Lüdtke im Porträt

Mit dem von ihm initiierten Netzwerk Schule, Wirtschaft und Wissenschaft wendet sich Horst Lüdtke auch nach seinem Ruhestand mit viel Engagement an den maritimen Wirtschaftsnachwuchs. Ob Schüler, Studierende oder Auszubildende, Lüdtke berät sie ebenso gern und stellt Kontakte her wie die Handwerker in seinem vorigen Berufsleben.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass Horst Lüdtke bereits seit fast acht Jahren im Ruhestand ist, liegt richtig. Schließlich arbeitet der 72-Jährige nach wie vor 46 Stunden pro Woche – davon 20 Stunden ehrenamtlich – für sein Herzensprojekt: das Netzwerk Schule, Wirtschaft, Wissenschaft an der Unterweser. „Den geistigen Höhepunkt erreicht man mit 75, das habe ich gerade erst gelesen“, sagt er schmunzelnd. Verwunderlich ist daher auch nicht, dass der studierte Betriebswirt zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Netzwerks nach wie vor im Vorstand des Vereins „Betriebswirte des Handwerks Bremerhaven-Cuxland“ und Vorsitzender des Fördervereins einer Grundschule ist.

Ruhestand war keine Option
Viele dieser Engagements haben sich bereits während seiner fast vierzigjährigen Tätigkeit für die Handwerkskammer ergeben. Dort war hat Lüdtke nach eigenen Erhebungen rund 3.000 Existenzgründungen begleitet, 600 Betriebsübernahmen betreut und etwa 400 Veranstaltungen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Handwerks durchgeführt. Überdies hat er 1.000 Meister und rund 550 Betriebswirte des Handwerks als Dozent an der Akademie des Handwerks mit ausgebildet. Sich deshalb gänzlich zur Ruhe zu setzen, zog Lüdtke 2011 gar nicht erst in Erwägung. Zu viel Spaß bringt es ihm nach wie vor, mit Menschen zu tun zu haben, und den Standort Bremerhaven zu stärken. Als er 2009 das Netzwerk initiierte, das in dieser Form in Deutschland einzigartig ist, konnten sich die Unternehmen ihre Auszubildenden noch aussuchen. „Aber wir wussten, dass sich das ändern wird“, erinnert sich Lüdtke. Zwei Jahre später kam es so und der Bedarf für systematisch vernetzte und organisierte Angebote in Form einer Transferstelle, die sich für die regionale Vermittlung in Ausbildung, Studium und Arbeit kümmert, war da. Die Arbeit daran begeistert den gebürtigen Lunestedter, der größtenteils in Bremerhaven aufwuchs sogar so sehr, dass er sagt: „Meine Tätigkeit ist nach meinem Ausscheiden noch viel interessanter geworden.“

Fast schon ein Hobby
Aber auch an seine Berufstätigkeit in der Handwerkskammer Bremen, in der er die Abteilung Betriebsberatung und die Außenstelle Bremerhaven leitete, hat Lüdtke viele gute Erinnerungen. „Es ist einfach schön, die Fähigkeiten, die man geschenkt bekommen hat, auch einzusetzen“, findet er. Ein einzelnes Erlebnis herauszuheben, fällt ihm schwer. Was ihn freut ist, dass er 30 Jahre später oft auch die Kinder der ehemals Ratsuchenden beraten habe. „Es war fast schon wie ein Hobby: Viele habe ich unterwegs getroffen, wenn ich mit dem Fahrrad durch Bremerhaven gefahren bin.“ Bereut, dass er nicht freiberuflicher Unternehmensberater geworden ist, was damals gerade aufkam und sein eigentliches Ziel war, hat Lüdtke nie. „Ich hatte alle Freiheiten, musste das Vertrauen rechtfertigen und hatte zugleich die Sicherheit und Altersvorsorge des öffentlichen Dienstes“, betont Lüdtke. Es seinem Vater, der Kapitän auf einem Fischdampfer und oft abwesend war, langfristig beruflich gleichzutun, war nie eine Option. Eine klare Idee hatte er nach dem Schulabschluss jedoch nicht. „Mein Vater ist früh verstorben und ich wusste nur, dass ich technisch nicht so interessiert bin.“ Der Vorschlag des Arbeitsamts, eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Nordsee zu machen, kam daher genau richtig. Ein wenig in die Fußstapfen seines Vaters trat er dann allerdings dennoch: Schon als Kind war er mit an Bord und da zu Zeiten seines Studiums an der Bremer Hochschule für Wirtschaft die guten Zeiten der Fischerei bereits vorbei waren, verdiente er sich während des Studiums in den Semesterferien sein Geld auf dem Kreuzfahrtschiff „Bremen“, mit dem er von Bremerhaven nach New York, Kanada und in die Karibik fuhr.
Weite Reisen interessieren ihn seitdem nicht mehr. „Ich bin gern mit dem Fahrrad unterwegs und fühle mich in Deutschland sehr wohl.“ Auch in Cuxhaven und Bremerhaven könne er sich ganz wunderbar erholen: Fast der schönste Platz ist für ihn der Deich zwischen beiden Städten. „Das Watt oder Schwimmen, wo Schiffe sind und Kutter reinkommen, das ist schon ein schönes Erlebnis.“

Täglich fünf Minuten zum Nachdenken
Ähnlich positiv sieht Lüdtke auch das Älterwerden, worüber er bereits einige Bücher gelesen hat. Sein Resümee: „Wichtig sind vor allem ein enges soziales Umfeld, Freude im Alltag, Ernährung, Bewegung, Erholung, die richtige mentale Einstellung, Pausen und guter Schlaf.“ Übertragen auf sein Leben sind das vor allem seine Frau und die Zwillinge: „mein Zentrum“. Früher Fußball und nach wie vor das Fußballtennis, das er einmal pro Woche spielt und wozu auch das anschließende Zusammensein mit der Mannschaft gehört, bedeuten ihm ebenfalls viel. Vielleicht ist es zudem auch einfach klug, sich wie Lüdtke täglich etwas Zeit für sich selbst zu nehmen. „Jeden Morgen setze ich mich fünf Minuten hin und denke über das Wesentliche nach.“
Möglicherweise auch deshalb musste Lüdtke über seinen Vorschlag für das nächste Porträt im bremenports-Newsletter nicht lange nachdenken: „Es ist Nicole Wind, die sehr engagierte Schulleiterin der Schule am Ernst-Reuter-Platz in Bremerhaven-Lehe.“ Die nach skandinavischem Vorbild neu gegründete Schule habe es an diesem sozialen Brennpunkt nicht leicht gehabt, die Schüler in Ausbildungen zu bringen. Mit dem Projekt „Der Hafen kommt nach Lehe“ sei nun aber bereits sehr viel in Bewegung gekommen.

(Claudia Behrend)