x
Maritime Vielfalt

Im Interview - Martin Günthner, Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen

Gewaltige Veränderungen und etwas Wehmut

Was wird Ihnen persönlich nach dem Rücktritt vom Senatorenamt fehlen?
Das ist zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht so einfach zu beantworten. Ich blicke nun auf neuneinhalb Jahre Amtszeit als Senator zurück und habe das Amt vom ersten Tag an mit großer Freude ausgeübt – daran wird sich auch bis zum voraussichtlich letzten Tag am kommenden Donnerstag nichts ändern. Insofern wird es da einiges geben, dass den Rückblick auch wehmütig macht, aber auf der anderen Seite wird es neues geben, auf das ich mich freue. Insbesondere den bremischen Häfen werde ich immer in einer besonderen Weise verbunden bleiben.

Rund 20 Jahre Hafenpolitik, davon 9 Jahre als Senator: wie hat sich der Hafen in dieser Zeit verändert?
Gewaltig wäre in diesem Falle nicht untertrieben. Historisch betrachtet fällt in diesen sehr kurzen Zeitraum nicht nur der steile Aufstieg und leider auch der, von Bundesseite mindestens durch Fahrlässigkeit und Unterlassen verursachte Niedergang der Offshore-Windenergie, sondern auch ein nie geahnter und in seinen Dimensionen und verkehrlichen Wirkungen kaum fassbarer wirtschaftlicher Boom bis zum Jahr 2008. Unmittelbar und abrupt danach folgt dann das, was wir heute als die größte und schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnen und in Folge dessen eine tief greifende Krise und ein struktureller Wandel in der globalen und nationalen Schifffahrt. Von den reinen Daten her verbuchen wir in diesem Zeitraum von 20 Jahren eine Verdopplung der Umschlagmengen in der Containerwirtschaft und gleichermaßen beim Automobilumschlag sowie ein geradezu explosionsartiges Wachstum im Kreuzfahrtsektor.

Prägend für diese Zeit ist meines Erachtens aber auch das andauernde, beständig die Grenzen des technisch machbaren auslotende Wachstum im Schiffsbau. Dies zeigt sich nicht nur bei den Containerschiffen, sondern genauso auch im Kreuzfahrtsektor.

Im Hafen selbst wurden diese Entwicklungen stets durch kluge Entscheidungen und vorausschauende Projekte und Ideen unterstützt und ermöglicht. Denken Sie nur an den Bau des CT 4, die bremische Entscheidung zu Beteiligung am Jade-Weser-Port, den Neubau der Kaiserschleuse, die Umgestaltung des Osthafens, die vielen Projekte zur Förderung der Schiene, der Straßenanbindung und auch der Binnenschifffahrt.

Seit einiger Zeit kommen nun auch die immer stärker werdenden Vorzeichen der Automatisierung und Digitalisierung hinzu, die den Hafen und die Arbeit in den kommenden Jahren weiter verändern werden.

Die langen Jahre in der aktiven Hafenpolitik und die ständigen, hier ja nur exemplarisch gezeigten, teils auch radikalen Veränderungen haben mir und uns klar gezeigt, dass ein Hafen als solches niemals fertig ist, sondern sich stets an neuen Entwicklungen und Trends orientieren und messen lassen muss und auch, dass es sich lohnt für Projekte einzustehen, die vielleicht nicht sofort gelingen, am Ende aber großen Nutzen bringen und die Zukunft des Hafens sichern.

Langeweile kam zu keinem Zeitpunkt auf und im Rückblick erscheint es geradezu unglaublich, was von der Hafenwirtschaft, den Kolleginnen und Kollegen im Ressort, im Hafenamt, bei bremenports und den vielen weiteren zum Hafen gehörenden Einheiten, Behörden, Unternehmen und Institutionen in dieser Zeit gemeinsam geleistet wurde.

 

Gibt es aus der langjährigen Verbindung Themen, die Ihnen persönlich besonders wichtig sind?
Ja, natürlich. Aber es wäre nicht richtig, hier einzelne Aspekte herauszuheben, denn der Erfolg und das Gelingen in einem so breit aufgestellten Universalhafen, wie unseren bremischen Häfen hängt immer an der Leistung vieler. Als besonders wichtig und prägend habe ich stets wahrgenommen, mit welcher Leidenschaft, mit welchem Engagement und mit welcher Freude die Themen und Herausforderungen von den Akteuren im Hafen aufgenommen wurden. Das ist ganz sicher etwas Besonderes, was man außerhalb der Hafenwirtschaft und der Schifffahrt nicht so oft wiederfinden.

 

Der Wettbewerb der Standorte ist hart. Was kann die Hafenpolitik machen, damit BHV auch künftig vorne dabei bleibt?
Der Wettbewerb ist hart und er wird, wie wir es in den zurückliegenden Jahren gesehen haben, immer härter. Veränderungen zeigen sich immer schneller und Entscheidungen einzelner Reedereien haben heute immense Auswirkungen auf die Häfen und dies im Positiven wie im Negativen. Hafenpolitik kann hier nicht zuschauen, sondern muss aktiv dabei sein, muss mitgestalten und das möglichst in gleicher Geschwindigkeit. Hier droht Deutschland insgesamt durch zu lange Entscheidungswege, durch zu komplexe Verfahren und durch zu lange rechtliche Nachprüfungen im Wettbewerb zurückzufallen. Es muss wieder gelingen, dass sich politische Entscheidungen und deren Umsetzung an den Realitäten der heutigen Zeit orientieren, also vor allem zügiger vonstattengehen. Da gibt es sowohl in den Häfen als auch im Hinterland noch viel zu tun.