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2021/2 | Maritime Wissenschaft

„Innovation ist kein Zuschauersport“


Die BLG möchte  Digitalisierungs- und Innovationsansätze noch stärker in die Arbeit des Logistikunternehmens aufnehmen. Der interne Think Tank hilft dabei, Ideen zu evaluieren und gegebenenfalls zu integrieren.

Gerade in Zeiten der Digitalisierung sind in der Logistik gute Ideen gefragt. Nicht alle sind jedoch zielführend für die jeweilige Fragestellung. Wie also gelingt es am besten, zu einer validen Einschätzung zu kommen, was das Unternehmen aktuell am besten voranbringt?

Bei der BLG haben sich hierbei 100-Tage-Projekte bewährt. „Die sind für uns ein gern genutztes Vehikel, um neue Technologien auszuprobieren“, berichtet Christoph Homeier, der bei dem Bremer Logistiker seit vier Jahren Leiter für Innovation und Digitalisierung ist. Schließlich gebe es viele vielversprechende Ideen, wie die vom Marktanalyseunternehmen Gartner identifizierten Technologietrends. Mit der herkömmlichen Herangehensweise sei es jedoch aufwendig, zu identifizieren, welche davon für die BLG am interessantesten ist. „Ein klassisches Projekt dauert ein bis zwei Jahre, kostet viel Geld und Ressourcen, und führt nicht zwingend zum Erfolg“, so Homeier.

Es habe sich zudem als zielführend erwiesen, neue Themen gemeinsam mit Start-ups anzugehen. Auf diese Weise reiche bereits ein kleines Budget, um ein „Proof of Concept“ zu erstellen, also die grundsätzliche Machbarkeit nachzuweisen. Oft kommen die Start-ups von sich aus auf den Logistikkonzern zu. „Wir sind in der Region Bremen, Hamburg und Hannover und über unsere Start-up-Plattform im Internet sowie verschiedene andere Kanäle sehr gut vernetzt“, unterstreicht Homeier. Manchmal geht die Initiative auch vom Trendmanagement des Innovationsteams aus und es werden gezielt Start-ups angesprochen.

Keine Papiertiger produzieren

So ist es auch im Fall der Blockchain, wo sich die BLG ein Start-up dazu geholt hat. Bei der Methodik setzt Homeiers Team auf Design Thinking. „Das ist ein Ansatz, um Lösungen zu finden, die wirtschaftlich und machbar sind“, so der Abteilungsleiter. Oft ginge es bei einem solchen 100-Tage-Projekt auch noch gar nicht um das eigentliche Problem, sondern erst einmal zu verstehen. „In der Vorphase führen wir oft Workshops durch, in denen ganz ungefiltert Ideen gesammelt werden“, erläutert Homeier. Hinzukommen klassisches Brainstorming und qualitative Interviews. Diese Phase dauert etwa zwei bis drei Monate. „Nach dem Durchdenken muss mindestens ein Prototyp absehbar sein, und nicht nur ein Papiertiger“, betont er. Manche Projekte werden bereits in dieser Phase beendet. Bestenfalls beginnt dann im zweiten Schritt die Lösungsphase. Homeier: „In dieser probieren wir Open Innovation aus, das heißt es werden die operativen Bereiche des Unternehmens mit einbezogen.“ Ziel ist, einen Protoptypen zu entwickeln, der dann in ein „Pitchdeck“ mündet, also eine Ergebnispräsentation und Handlungsempfehlung für die Geschäftsführung. Dort wird dann auch entschieden, ob das Projekt implementiert werden soll.

Das derzeit vierköpfige Team arbeitet meist parallel an mehreren Projekten. „2020 waren es etwa 15“, so Homeier. Das allerdings ändere sich gerade: „Wir kommen da auf ein nächstes Level.“ Während die vergangenen Jahre davon geprägt gewesen seien, ganz viel auszuprobieren, werde der Rahmen jetzt enger gefasst, mit welchen größeren Technologien und Schlüsseltechnologien sich das Team beschäftigt und entsprechend weniger Projekte und Themen bearbeitet.

Gemeinsam und interdisziplinär

Neben der stärkeren Fokussierung zeigt sich eine zweiter Trend bei der Entwicklung von Innovationen: „In vielen Unternehmen wurden die Innovationsabteilungen wieder geschlossen“, berichtet Homeier. „Das sortiert sich gerade.“ Ganz oft scheiterten neue Ansätze daran, dass die Menschen nicht abgeholt würden: „Innovation ist aber kein Zuschauersport.“ Deshalb sei es ihm sehr wichtig, dass bei der BLG gemeinsam und interdisziplinär an Themen gearbeitet werde. Lieber spreche er daher von digitaler Transformation als von Digitalisierung.

Derzeit wird fleißig an mehreren konkreten Projekten gearbeitet. Bei einem – ursprünglich als 100-Tage-Projekt gestarteten – geht es um die Optimierung des Personaleinsatzes. „Die Logistik lebt von Flexibilität“, betont Homeier. „Wir müssen genau wissen, wie viele Mitarbeiter an welchem Tag pro Schicht gebraucht werden.“ Bisher werde das mit Erfahrung und ausgewählten Zahlen gemacht. Hier setzt die BLG nun auf einen Partner, der sich auf die Automatisierung von Machine Learning spezialisiert hat. Durch den Aufbau von Modellen können mehr Faktoren berücksichtigt und die Zukunft vorhergesagt werden. „In einem Test konnten wir bereits jetzt an unserem Standort in Berlin-Falkensee die Vorhersage um fünf Prozent verbessern.“

Beim zweiten Projekt geht es um das Freight Quality Tracking, also um mehr Transparenz in der Lieferkette eines Automobilkunden. Startpunkt war auch hier ein vor etwa zwei Jahren durchgeführtes 100-Tage-Projekt. „Mit Sensorerkennung wollen wir die Lieferkette für unseren Kunden transparenter gestalten“, erläutert Homeier. Das betreffe den Zustand der Ware, der mithilfe von Sensoren überwacht werde. „Als Logistikpartner haben wir ein großes Interesse daran, hier mehr Transparenz rein zu bekommen.“

(Autorin: Claudia Behrend)

Foto: ©BLG

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