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Lateinamerika – Hoffnungsträger oder Sorgenkind?

Mehr als 50 Prozent des Kaffees der Welt kommt aus Lateinamerika. Jede zweite Kaffeebohne geht über die bremischen Häfen. Zwischen den bremischen Häfen und in ganz Europa bestehen umfangreiche und vor allem langfristig gewachsene Handelsbeziehungen mit Lateinamerika. Güter, die einen wesentlichen Teil der Grundbedürfnisse der übrigen Welt decken, wie nahezu 50 Prozent der Sojaproduktion und etwa 20 Prozent der Erdölreserven kommen aus Lateinamerika. Chile und Peru liefern gemeinsam etwa ein Drittel des jährlich in der Welt verarbeiteten Kupfers.

Wenigen ist jedoch bewusst, dass Mexico und Brasilien zusätzlich unter den Top 20 der Industrie-staaten der Welt sind. Insbesondere Mexiko profitiert von seiner Nachbarschaft zu den USA, viele Vor- und Fertigprodukte werden dort gefertigt.

Alle diese Güter müssen global transportiert werden. Der Panamakanal und die Lage Lateinamerikas zwischen Asien, Europa und den USA ist ein großer strategischer Vorteil. Jedoch stellt die Binneninfrastruktur für den Weg zum Hafen oft eine Herausforderung dar. Infrastrukturdefizite, Ungleichheit, Bürokratie und Korruption drücken den Wirtschaftswachstum der Region jedoch seit Jahren unter den globalen Durchschnitt.

Trotzdem bleibt das Potenzial hoch: Deutsche Unternehmen sind vor allem in Mexiko und Brasilien vor Ort. Gelingt es dem Kontinent, seine strukturellen Probleme zu lösen, in eine effiziente Regierungsführung, in Infrastruktur und Bildung zu investieren, dann sind die Wachstumschancen nahezu unbegrenzt.

Der 81,6 Kilometer lange Panamakanal, der den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, ist eine der wichtigsten Wasserstraßen weltweit und ein bedeutender Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung in der Welt und in Lateinamerika. Nach Angaben der panamaischen Kanalbehörde ACP passierten 2019 mehr als 252 Millionen Tonnen Frachtgut ihre Schleusen, in insgesamt 12.291 Durchfahrten. Damit lag die Anzahl der Durchfahrten in den vergangenen drei Jahren konstant über 12.000 und die auf diesem Weg verschiffte Ladungsmenge bei über 240 Millionen Tonnen.

Nachdem die Einnahmen aus den Kanalpassagen im ersten Halbjahr 2020 noch leicht gestiegen sind, zeichnete sich in den vergangenen Monaten ein Rückgang der Durchfahrten und der transportierten Mengen ab – und das nicht nur aufgrund von Covid-19. Bereits vor Corona hat sich abgezeichnet, dass der Handelsstreit zwischen den USA und China die Warenströme reduzieren wird. Das ist für Panama ein schwerer Schlag. Denn rund 3,1 Milliarden US-Dollar nahm die ACP im vergangenen Jahr über ihre Durchfahrtsgebühren ein, das sind fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Seit Anfang des Jahres wirbelt zusätzlich die Coronapandemie die globalen Logistikketten von und nach Lateinamerika erheblich durcheinander. Viele Staaten wurden hart vom Coronavirus getroffen und haben den Peak der Krise noch nicht erreicht. In diesem Jahr soll das Bruttoinlandsprodukt der Region laut dem Internationalen Währungsfonds sogar um mehr als neun Prozent zurückgehen. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) rechnet damit, dass im zweiten Halbjahr 2020 in Lateinamerika rund 2,7 Millionen Unternehmen schließen müssen und 8,5 Millionen Arbeitsplätze verloren gehen.

Für Deutschland besitzt dies einen besonderen Stellenwert: Über 1000 deutsche Unternehmen sind in Lateinamerika vertreten. Unter anderem große Automobilhersteller sind bereits seit Jahrzehnten mit eigenen Tochterfirmen vor Ort. São Paulo ist der weltweit größte deutsche Industriestandort außerhalb Deutschlands. Zudem ist Lateinamerika ein großer Markt mit mehr Einwohnern als ganz Europa und einer jungen und ausgesprochen konsumfreudigen Bevölkerung. Die vergangenen Monate haben laut deutschen Unternehmern vor Ort aber auch gezeigt, dass viele lateinamerikanische Unternehmen in der Lage seien, schneller und kreativer auf neue Bedingungen zu reagieren als von vielen erwartet. Vom Start-up bis zum Global Player wurden sie durch die Krise dazu gezwungen, effizienter zu werden und neue Technologien schneller einzuführen. Die Lieferketten vieler Unternehmen erleben derzeit einen regelrechten Effizienz- und Digitalisierungsschub. Auch in der Vergangenheit hat die Region schon mehrfach bewiesen, dass sie in der Lage ist, Krisen zu meistern. Experten beobachten die Entwicklung mit Sorge, attestieren der Region aber dennoch ein langfristiges Wachstumspotenzial.

Hoffnungsträger oder Sorgenkind? – stellt man sich daher im LOGISTICS PILOT die Frage und geht dieser nach: Im Magazin werden die „Big Five“ aus Lateinamerika unter die Lupe genommen – die fünf Länder, die im vergangenen Jahr die stärksten Abnehmer deutscher Produkte in der Region waren: Mexiko, Brasilien, Chile, Argentinien und Kolumbien – alle Zahlen im Vergleich.
Außerdem erklären die Reederei Hapag-Lloyd, der Logistikdienstleister Leschaco und der  Hafendienstleister J. MÜLLER warum Lateinamerika für ihre Unternehmensstrategie eine wichtige Rolle spielt und der Abteilungsleiter Market Entry and Business Development Services der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer in São Paulo beantwortet im Interview wichtige Fragen: logistics-pilot.com