x
Maritime Vielfalt

„Nachfolger aus freien Stücken“ – Michael Vinnen im Porträt

In siebter Generation führt Michael Vinnen Bremens älteste Reederei F.A. Vinnen & Co., die Containerschiffe an große Linienreedereien verchartert. Dass sein Vater ihm und seinen Geschwistern in der Frage der Nachfolge freie Hand ließ, will der jetzige Inhaber mit seinen drei Kindern beibehalten.

Fragt man Michael Vinnen, was ihn mit der Schifffahrt verbindet, kommt die Antwort sehr prompt: „Mein Beruf, aber auch meine Familie“. Als Kind sei er oft im Kontor gewesen und mit seinem Großvater im Hafen. „Bei Taufen, Auslieferungen und Probefahrten war ich natürlich ebenso dabei.“ Und auch zu Hause kamen am Wochenende Telegramme und Telexe an; Die Ankunftszeiten wurden damals noch über Norddeich-Radio gesendet und, wenn das Büro geschlossen hatte, teilweise von ihm, seinem Bruder und seiner Schwester aufgenommen.

Dennoch war für den hochgewachsenen Bremer nicht von vornherein klar, dass er in der Reederei arbeiten würde. Das lag auch an seinem Vater Christel Vinnen, der es anders machen wollte als dessen Vater Werner Vinnen: „Mein Vater ist mit 23 Jahren eingestiegen, aber mein Großvater war noch mehr als 20 Jahre im Unternehmen“, erzählt Michael Vinnen. „Das wollte mein Vater bei seiner Nachfolge nicht. Und ich auch nicht.“

Für den 1965 in Bremen Geborenen bedeutete das, dass er nach dem Abitur und der Bundeswehr weit weg vom Wasser in Freiburg Volkswirtschaftslehre studierte. „Ich hatte immer schon ein Interesse an der Wirtschaft und wollte breit aufgestellt sein.“ Also arbeitete er nach seinem Diplom zunächst für einen Finanzdienstleister in den USA und dann für ein Unternehmen in Hamburg – ebenfalls ohne Schifffahrtsbezug. Der kam dann 1991, als er vier Wochen auf einem Papierfrachter von F. A. Vinnen & Co. von Kanada über die Karibik nach Mittelamerika fuhr. 1994 bot sich ihm die Möglichkeit, nach der Privatisierung der Deutschen Seereederei (DSR), dem vormals staatlichen Schifffahrtsunternehmen der DDR, an deren Flottenumbau mitzuwirken. „Das habe ich fünf Jahre gemacht und dadurch eine vernünftige Schifffahrtsausbildung bekommen.“ In der Zeit hat sich auch seine Ahnung bestätigt, dass die maritime Branche etwas für ihn sein könnte. „Erst mit 34 Jahren habe ich dann im Familienunternehmen angefangen“, erzählt Vinnen.

Mit Berufserfahrung ins Familienunternehmen
Seit 2003 führt er die Reederei nun in der siebten Generation und hat auch im Rückblick nie bereut, erst spät in die älteste Reederei Bremens und die zweitälteste Reederei Deutschlands eingestiegen zu sein. „Sowohl für die Mitarbeiter als auch für mich war es einfacher, dass ich nicht als absoluter Junior ohne wesentliche Berufserfahrungen hier eingestiegen bin.“ Dass sein Vater Christel Vinnen und er eine Übergangszeit von fünf Jahren und klar definierte Schritte vereinbart hatten, sei ebenfalls richtig gewesen: „Das war ausreichend aber auch nicht zu lange.“ Noch immer hat der mittlerweile 84 Jahre alte Vater Christel Vinnen sein Büro am Altenwall, steht für Fragen zur Verfügung und liest aus Interesse weiterhin wichtige Mails. Ein wichtiger Schritt von Michael Vinnen war der Rückkauf der Anteile, die von der Wünsche-Gruppe gehalten wurden, sodass der Familie seit 2016 wieder alle Anteile an der Reederei gehören. Mit ihren derzeit 14 Mitarbeitern am Standort in Bremen, acht in Manila und den Seeleuten auf einer Flotte von neun Schiffen wird sie von Michael Vinnen gemeinsam mit dem Geschäftsführer Bernd Hein geführt, der bereits seit 1993 für das Familienunternehmen arbeitet. „Man braucht mehr als einen Geschäftsführer, die Firma muss immer vertretbar sein“, betont Vinnen.

Die Aufgaben zwischen beiden sind klar verteilt: Während der Nautiker Hein das operative Geschäft, die Nautik, und die Technik sowie Versicherungen, Operations und das Personal verantwortet, kümmert sich der Volkswirt um die Projekte, die Befrachtung, den An- und Verkauf sowie die Finanzen. Letztere hat Vinnen stets gut im Blick behalten: „In der KG-Zeit haben wir uns zurückgehalten, und das hat uns auch in der Schifffahrtskrise geschützt.“ Aber auch F. A. Vinnen & Co. musste Federn lassen: „Zur Zeit haben wir neun Schiffe, maximal waren es mal zwölf.“ Für die Zukunft positioniert sich Vinnen klar: „Wir wollen wachsen“. Es gebe zu viel Pessimismus: „Ich glaube nicht, dass es nie wieder besser wird.“

Geschäftsführung F.A. Vinnen & Co. (v.l.n.r. Bernd Hein und Michael Vinnen)

Wachsen mit Second-Hand-Schiffe

„Acht bis zehn Schiffe sind für eine Reederei heutzutage das Minimum, um überlebensfähig zu sein“, betont Vinnen. „15 bis 20 wären auch gut, aber mit Augenmaß.“ Neubauten kommen derzeit nicht in Betracht: „Es gibt genug Schiffe und bei den derzeitigen Raten ist das zu spekulativ.“ Aber es gebe derzeit durchaus einige ganz interessante Second-Hand-Angebote. Auch für Kooperationen und Zusammenschlüsse sei er offen: „Die Konkurrenz befindet sich außerhalb Deutschlands.“ Oftmals würde unterschätzt, wie viele kleine Reedereien international erfolgreich auf dem Markt seien: Weltweit hätten rund 70 Prozent der Reedereien 20 Schiffe oder weniger. „Sie alle haben ihre Existenzberechtigung und oft sehr geringe Betriebskosten“, hebt Vinnen hervor. „Beim Management der Schiffe spielt die Größe nicht die entscheidende Rolle.“

Direkter Kontakt mit den Kunden

Der USP einer kleineren Reederei wie F. A. Vinnen & Co. liegt für den Inhaber auf der Hand: „Unsere Kunden sind Linienreedereien, denen wir das richtige Schiff am richtigen Ort und zur richtigen Zeit anbieten können.“ Weitere Pluspunkte seien die Zuverlässigkeit, sprich ein effizienter Betrieb mit geringem Verbrauch und Kooperationsbereitschaft. All das wissen die Marktführer im Linienverkehr wie Maersk, CMA, MSC und Hapag-Lloyd sowie COSCO zu schätzen: „Im Zweifel können mich die Kunden persönlich anrufen. Ich entscheide und übernehme die Verantwortung.“
Während Vinnen in der Woche, die er meist in Bremen am Telefon, am Computer und in Meetings verbringt, zum Teil länger arbeitet, versucht er, sich die Wochenenden freizuhalten. Das gelingt ihm vor allem bei Zeit mit der Familie, am liebsten Outdoor oder Kultur, dem gemeinsamen Hobby mit seiner Frau, dem Singen im Kirchenchor und in den großen Ferien im Sommerhaus der Familie in Finnland.
Wenn eins seiner Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen im Alter von 18, 16 und 12 Jahren wollte, wäre eine nautische Ausbildung im Familienunternehmen möglich: F. A. Vinnen & Co. bildet auch Schiffsmechaniker aus. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit Hochschulen auf den Philippinen, in denen schon mehr als 60 Kadetten ausgebildet wurden. Ob seine Kinder in die Schifffahrt wollen, ist noch unsicher. „Ich möchte sie da sanft heranführen, würde mich aber natürlich freuen, wenn eines sich für die Reederei entscheidet.“

(Claudia Behrend)