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Maritime Vielfalt

Nautiker mit Passion für Eisberge

Selbst nach 26 Jahren an Bord der Bremerhavener „Polarstern“ wartet Steffen Spielke auf die nächste Expedition besonders ungeduldig. Ab November wird der Erste Offizier für zwei Monate an Bord des dann im Eis eingeschlossenen Forschungsschiffs im Nordpolarmeer driften.

Den 24. November 2019 muss sich Steffen Spielke nicht rot im Kalender anstreichen. Dass der 60-Jährige sich dann an Bord des russischen Eisbrechers „Kapitän Dranitsyn“ von Tromsø aus auf den Weg zur „Polarstern“ machen wird, freut ihn schon jetzt. Wo sich das größte deutsche For-schungsschiff dann befinden wird und wann genau er dort ankommen wird, ist noch offen. „In 37 Jahren Geschichte der ‚Polarstern‘ wird dies die erste Expedition sein, deren Verlauf von Anfang bis Ende für Überraschungen offen ist“, betont Spielke. Er muss es wissen, denn auf dem größten deutschen Forschungsschiff ist er bereits seit 26 Jahren unterwegs und seit 18 Jahren Erster Offizier. Was diesmal anders ist? Die Polarstern, auf der Wissenschaftler des in Bremerhaven ansässigen Alfred Wegener-Instituts die Polarmeere der Arktis und der Antarktis erforschen, ist am 20. September von Bremerhaven zur größten Arktisexpedition gestartet, die es je gegeben hat. Sie trägt den Namen „MOSAiC“, kostet 140 Millionen Euro und soll den insgesamt rund 600 Wissen-schaftlern aus 19 Nationen, die sich abwechselnd an Bord aufhalten, ermöglichen, über die Dauer von einem Jahr neue Erkenntnisse über das arktische Klima zu gewinnen. Ihr Ziel ist die zentrale Arktis, die im Winter ansonsten nicht zugänglich ist. Längsseits angedockt an einer etwa 1,5 mal 1,5 Kilometer große und mindestens 50 Zentimeter dicken Eisscholle, wird die „Polarstern“ mit rund 400 Tonnen Ausrüstung an Bord daher ihren Hauptmotor ausschalten und mit dem Meereis bis zu 1.000 Kilometer vom Festland entfernt mit etwa sieben Kilometer pro Tag Richtung Nordpol driften.

„Spielplatz für große Jungs“
Insgesamt gehören diesmal 38 Personen zur Mannschaft, wie auf jeder Expedition gehört dazu auch ein Arzt. Auch nach 27 Jahren empfindet Spielke es als großes Privileg, dass er mitfahren kann. „Die Polarstern ist ein Spielplatz für große Jungs“, scherzt er. Besonders gut gefallen ihm als passionierten Modellbauer die Hubschrauber an Bord. „Im Maßstab 1:6 habe ich die nachgebaut“, erzählt Spielke, und freut sich noch immer, der erste gewesen zu sein, der einen Modellhub-schrauber am Nordpol hat fliegen lassen. Seine zweite Leidenschaft wird an Bord der Polarstern ebenfalls mit abgedeckt: „Wir haben auf manchen Expeditionen einen Tauchroboter dabei, der bis zu 5.000 Meter tief unterwegs sein kann. Die Live-Bilder anzusehen ist einfach gigantisch“, hebt der Hobbytaucher hervor. Wie bei anderen modernen Schiffen, befinden sich an Bord der „Polarstern“ auch ein kleines Schwimmbad, eine Sauna, ein Tischkicker und ein Solarium sowie ein Fitnessraum. Allzu oft sucht der gebürtige Altenburger diese Annehmlichkeiten während der Expedi-tionen allerdings nicht auf: „Schlaf ist mir wichtiger.“ Viel Zeit am Stück in seiner Einzelkoje bleibt dafür nicht, denn obwohl das Schiff nicht fährt, ist die Brücke wie sonst auch rund um die Uhr besetzt. „Meine Schicht dauert von 4 bis 8 Uhr und von 16 bis 20 Uhr. Ich schlafe also nach dem Mittagessen, von kurz nach zwölf bis 15:30 Uhr und nachts von 22 Uhr bis halb vier.“
Besonders schätzt Spielke die frühe Schicht, denn dann ist es noch ruhig auf dem Schiff und er hat etwas Zeit, um die Eisberge anzuschauen. „Das Schönste auf der Welt“, findet er und zeigt ein paar seiner faszinierenden Fotos. „Durch die Scheinwerfer geht das übrigens auch bei Dunkelheit.“ Längst vergessen ist inzwischen der Bammel, den er vor seiner ersten Winterexpedition vor dem fehlenden Licht hatte. „Zwischen 10:30 und 13 Uhr kann das Licht bei gutem Wetter draußen sogar zum Zeitungslesen reichen“, betont er. Auch die Kälte, oft minus 40 Grad und mit Windchill bis minus 70 Grad, sind kein Problem. „Man muss sich nur richtig anziehen, denn durch die trockene Luft spürt man die Kälte nicht und kann sich schnell Erfrierungen zuziehen.“

Lieblingsessen: Torreroschnitte
Gegen die Kälte helfen auch die drei warmen Mahlzeiten am Tag. Spielkes Lieblingsessen ist die Torreroschnitte, ein Brot mit Leberwurst, Tomaten und einem Spiegelei obendrauf. Für eine Diät eignen sich die Expeditionen jedoch nicht: „Man nimmt immer zu.“ An Nachschub mangelt es auch nicht, Lebensmittel werden im Winter von Eisbrechern und im Sommer von Polarflugzeugen zum Schiff transportiert. Sollte es Probleme geben, stehen Notrationen und das Schiff selbst als eine Überlebenszelle zur Verfügung.
Schließlich darf nicht vergessen werden, dass es sich bei der Arktis um eine der abgelegensten Regionen der Welt handelt. Bei den drei Blinddarmoperationen an Bord der „Polarstern“, bei denen Spielke zwei Mal dem Arzt assistierte, ging zum Glück alles gut.
Ein tragisches Schiffsunglück hat den passionierten Wrack- und Höhlentaucher schon früh in seinen Bann gezogen: „Schon als kleiner Junge war ‚SOS Titanic‘ mein Lieblingsbuch.“ Seine Diplomarbeit für den Nautik-Abschluss an der Jade-Hochschule in Elsfleth trägt den Titel: „Sinksicherheit in der modernen Passagierschifffahrt am Beispiel des MS ‚Europa’ bezogen auf die Titanic-Katastrophe“. Besonders stolz ist er als langjähriges Mitglied der Titanic Historical Society daher auch über einen Rostplacken des Passagierschiffs, den er geschenkt bekam.
Dass er etwas entdecken wollte, wusste Spielke bereits als Kind: „Ursprünglich wollte ich Archäologe oder Höhlenforscher werden.“ Nachdem er mit 16 Jahren mit seiner Mutter aus der DDR ausgereist war, entschied er sich dann für die Schifffahrt, wurde Matrose, machte sein Fachabitur und studierte, bevor er als Dritter Offizier bei Hapag-Lloyd anfing und später zusätzlich eine Ausbildung zum Schiffsbetriebsingenieur machte. 1993 kam er dann zur Forschungsschifffahrt und mit dem Wechsel der Bereederung des Schiffs zur Reederei Laeisz, für die er seitdem arbeitet. Dass es die Schifffahrt nicht leicht macht, eine Familie zu haben, hat Spielke nicht gestört: Er ist unverheiratet und kinderlos. „Ich bin eher so der Einzelgänger.“ Mit seinen Tauchkumpels ist er allerdings gern unterwegs, vor allem in der Karibik und in Ägypten. In fünfeinhalb Jahren, wenn Spielke in Rente geht, bleiben ihm nicht nur viele schöne Erinnerungen, sondern er kann dann von seinem zu Hause in Rheine aus ganz bequem weiter die Welt entdecken: Sein neues Hobby sind Drohnen.